"Die Unsicherheit ist belastend"

Das Gespräch führte

Von Das Gespräch führte

So, 12. September 2021

Südwest

Der Lörracher Schulleiter David Weber über den Start ins neue Schuljahr und die Coronamaßnahmen in den Klassenzimmern.

Es ist das dritte Schuljahr im Zeichen von Corona. Es gelten neue Maßnahmen, etwa die unterschiedliche Testpflicht für geimpfte und ungeimpfte Kinder. David Weber ist Leiter der Lörracher Albert-Schweitzer-Schule, einer Gemeinschaftsschule. Er berichtet, was die Bestimmungen für den Schulbetrieb bedeuten und wie es ihm mit der Situation geht.
Der Sonntag: Herr Weber, mit was für einem Gefühl starten Sie ins neue Schuljahr?

Mit einem mulmigen Gefühl. Wir haben eine Vielzahl neuer Regeln, die in einem komplexen Zusammenhang zueinander stehen. Das alles im Blick zu behalten, ist schwierig. Dazu gehören auch Regeln, die Ausnahmen möglich machen, die man als Schulleiter dann wieder verantworten muss. Die vielen Informationen, die auf uns Schulleiter einprasseln, müssen außerdem weitergegeben werden – an Kollegen, Schülern, vor allem Eltern, von denen wir einige nur schlecht erreichen. Man ist am Dauerkommunizieren. Auch das schlaucht.
Der Sonntag: Was macht Ihnen am meisten Bauchschmerzen?

Die Test-Organisation, die anläuft, vor allem für die Erstklässler, die das aus dem Kindergarten so noch nicht kennen. Auch schwierig: die Organisation des Mittagessens und der Nachmittagsangebote. Aber wirklich belastend ist die Schnelllebigkeit und die Unsicherheit, mit der wir ins Schuljahr starten.
Der Sonntag: Haben Sie von Seite des Kultusministeriums alle Infos, die Sie für den Schulstart brauchen?

Für Montag ja. Trotzdem habe ich alle Kollegen für Montagmorgen zu einem Kurz-Briefing einbestellt. Wir treffen uns um 7.30 Uhr, also noch vor Unterrichtsbeginn, um auch die Vorgaben zu besprechen, die uns möglicherweise erst am Freitagnachmittag erreichen. Letztlich hat man nie das Gefühl, alle Informationen beisammen zu haben. Weil ständig neue Infos nachkommen. Darum plant man möglichst spät, um nicht noch einmal und noch einmal beginnen zu müssen.
Der Sonntag: Ab sofort gilt an Schulen wieder eine Maskenpflicht. Andere Sicherheitsmaßnahmen wurden abgeschafft – die Quarantäne zum Beispiel. Ist das richtig oder falsch?

Wir werden sehen, ob es richtig oder falsch ist. Mein Bauchgefühl sagt: Oh je, da kommt viel auf uns zu. Wenn die Anzahl der Positiv-Fälle zunehmen wird, und davon ist auszugehen, es aber keine Quarantäne mehr gibt, dann kostet das die Schulen viel Zeit und Ressourcen, um alle Abläufe drumherum zu koordinieren. Wir müssen unter anderem darauf achten, welche Klasse normal, also zwei Mal wöchentlich, und welche Klasse wegen des Covid-19-Falls an fünf Tagen in Folge getestet werden muss. Diese Klassen unterliegen außerdem ganz besonderen Regeln, sie müssen in ihrer Kohorte bleiben. Das zu überwachen und zu dokumentieren, frisst viel Zeit, die an anderer Stelle fehlen wird. Gut möglich, dass wir auch nur wenige positive Fälle haben werden, dann werden wir im Frühjahr sagen: Gut, dass die Quarantäne abgeschafft wurde.
Der Sonntag: Virologen wie Christian Drosten halten neue Beschränkungen im Herbst für wahrscheinlich. Haben Sie den Fern- und Wechselunterricht miteingeplant?

Ja. Wir denken diesen Worst-Case mit. Wir werden in den ersten Schulwochen dafür sorgen, dass die Schüler online dran bleiben. Heißt, dass sie ihr Passwort parat haben und auch mal online ihre Lernaufträge abrufen.
Der Sonntag: Jugendliche ab 12 Jahre können sich impfen lassen. Hat das Konfliktpotenzial?

Das hoffe ich nicht. Aber in der Thematik steckt Dampf. Nehmen wir das Beispiel einer siebten oder achten Klasse, in der es immer mehr geimpfte Schülerinnen und Schüler gibt. Aktuell testen wir noch im Klassenzimmer. Fragt sich, wie lange noch, wenn immer weniger Jugendliche aufgrund einer Immunisierung getestet werden müssen. Selbst wenn man die Ungeimpften außerhalb des Klassenzimmers testet, spricht sich schnell herum, wer geimpft ist und wer nicht. Und irgendwann fällt dann ein dummer Spruch auf dem Pausenhof. In Italien gibt es aktuell die Diskussion, ob nicht die Maskenpflicht im Klassenzimmer fallen soll, wenn alle geimpft sind. Das ist heftig. Um solchen Konflikten vorzubeugen, planen wir, in allen Klassen, natürlich altersentsprechend, die Themen Meinungspluralität, Toleranz und Respekt aufzugreifen.
Der Sonntag: Gerade an einer Gemeinschaftsschule findet sehr viel mehr als nur Unterricht statt. Die Kinder essen dort, belegen am Nachmittag AGs oder gehen in die Betreuung. Wird das alles trotz Corona möglich sein?

Wir versuchen tatsächlich, vieles möglich zu machen. Wir finden, Schule ist so viel mehr als Mathe, Deutsch, Englisch. Darauf haben wir uns in den vergangenen anderthalb Jahren viel zu stark fokussiert. Aber nicht nur viele Nebenfächer, auch überfachliche Kompetenzen, von denen viel in AGs oder anderen Modulen stattfindet, sind dabei auf der Strecke geblieben. Schon vor den Sommerferien – aber zu dem Zeitpunkt schien auch noch mehr möglich – hat unser Kollegium beschlossen, wieder mehr überfachliche Angebote in das Schul-Curriculum einzubauen. Angebote wie Theater-AG, Schulsanitätsdienst, Sport-Mentoren-Ausbildung, Musik- und Kunst-Kurse. Solche Angebote wollen wir jetzt wieder mehr machen, wissen auch schon wann. Jetzt muss noch abgeklärt werden, welche Vorgaben wir dafür zu erfüllen müssen.
Der Sonntag: Und wird es an der Albert-Schweitzer-Schule Mittagessen geben?

In der Grundschule ja. Die Mensa für die Großen bleibt geschlossen, weil die Stadt Lörrach aktuell keinen Caterer hat. Die Organisation der Mittagspause war vor der Sommerpause enorm schwierig. Damals mussten die Pausen-Settings nach Kohorten gebildet werden – hier die Fünfer, dort die Sechser, drüben die Siebener. Das hat viel Aufsichtspersonal erfordert. Blöd war es aber vor allem für die Kinder, weil es kein soziales Miteinander mehr gab. Ich hoffe, dass die rigiden Trennungsvorgaben fallen werden.
Der Sonntag: Aber im Vergleich zum letzten Schuljahr sind die Vorgaben doch gar nicht so rigide?

Jein. Für den Mensabetrieb gibt es sehr wohl Vorgaben. Und klassenstufenübergreifende Angebote sind ebenfalls schwierig umzusetzen. Wir haben Masken und Tests, außerdem lassen sich immer mehr Schüler impfen. Bei all diesen Vorgaben halte ich die ein oder andere weitere Lockerung für möglich, gerade bei der Frage durchmischter Angebote.
Der Sonntag: Kann man sich als Schulleiter an den Ausnahmezustand gewöhnen?

Nein. Auch nach 18 Monaten ist mir das bislang noch nicht gelungen. Die Situation ist wahnsinnig auslaugend. Ich freue mich wieder auf andere Zeiten. Wenn wieder so etwas wie Schulentwicklung möglich wird.
Das Gespräch führteStephanie Streif