Die zwei Seiten der Autonomie

Savera Kang

Von Savera Kang

So, 21. April 2019

Südwest

Der Sonntag Die Frage nach der Legalisierung von Suizidbeihilfe beschäftigt Gegner und Befürworter – und aktuell das Bundesverfassungsgericht.

Das Bundesverfassungsgericht verhandelte in dieser Woche eine mögliche Liberalisierung der Suizidbegleitung. Gegner und Befürworter plädieren für eine offene Debatte über Sterben und das Miteinander.

"Was ist denn um alles in der Welt so schlimm dran, wenn eine 89- oder 90-Jährige freiwillig geht?", fragt Käthe Nebel. Es ist eine rhetorische Frage, für die 88-Jährige steht die Antwort bereits fest: "Das ist doch gar nichts Besonderes." Noch lebe sie gern, doch in ihrem Alter könne sich das auf einen Schlag verändern.

Nebel ist Mitglied bei der deutschen Sektion des Vereins "Dignitas – menschenwürdig leben, menschenwürdig sterben". Zusammen mit fünf weiteren Verfassungsbeschwerden verhandelte das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe am Dienstag und Mittwoch dessen Anliegen: die Abschaffung des Paragrafen 217 des Strafgesetzbuchs, der die "geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung" seit Dezember 2015 unter Strafe stellt. "Geschäftsmäßig" schließt ärztliche Tätigkeiten ein; Ärzten, die sterbewilligen Patienten ein tödliches Medikament zur Verfügung stellen, drohen bis zu drei Jahre Haft.

Um das Anliegen des Vereins, der zuerst 1998 in der Schweiz gegründet wurde, zu unterstützen, trat Nebel bei. Im Nachbarland ist es – sofern keine "selbstsüchtigen Beweggründe" vorliegen – erlaubt, Menschen bei ihrem Freitod zu unterstützen, indem man ihnen Natriumpentobarbital zugänglich macht. Das Mittel führt bei entsprechender Dosierung zu Atem- und Herzstillstand. Theoretisch können es seit März 2017 auch unheilbar Kranke in Deutschland beantragen, praktisch wurde noch jeder Antrag abgelehnt.

Geht es nach Sandra Diemand, bleibt die gesetzliche Lage, wie sie ist. Diemand ist Fachärztin für Anästhesie und Palliativmedizin sowie ärztliche Leiterin des Lörracher Palliativnetzes. Als solche begleitet sie Menschen mit schweren und weit fortgeschrittenen Erkrankungen – bis zum Tod. Rund um die Uhr ist jemand aus dem Team erreichbar, kann kommen, um die Hand zu halten oder mit Medikamenten Schmerzen zu lindern. Mittel, die den Tod herbeiführen, lehnt das Palliativnetz jedoch ab. "Die Zeit bis zum Sterben ist sehr wertvoll", sagt Diemand. "Viele Prozesse laufen ab, zum Beispiel Konfliktverarbeitung, auch in der Familie."

Ähnlich sieht es der Freiburger Medizinethiker Giovanni Maio. Die Unterstützung für den assistierten Suizid sei eine "Bankrotterklärung", vielmehr müsse sich die Gesellschaft "dafür interessieren, wie es kommt, dass Menschen sich in Situationen wähnen, in denen sie den Tod dem Weiterleben vorziehen". Seine These: "Das Ideal unserer Zeit ist der aktive Mensch bis zuletzt" – gebrechliche, angewiesene Menschen würden entwertet. Hinzu komme die "prekäre Versorgung" in Pflegeheimen, der manche Menschen den Tod vorziehen. Darüber müsse eine Debatte stattfinden. Und: "Man muss unbedingt über Suizidgedanken sprechen können, um Hilfe zu ermöglichen", sagt Maio. Zugleich dürfe eine Selbsttötung nichts Gewöhnliches werden: "Wir dürfen die Bestürzung nicht verlernen, wenn jemand sagt: ,Ich bring mich um.‘" Dann müsse die Frage lauten: "Was können wir tun, damit du am Leben bleiben willst?" Maio unterscheidet darum zwischen dem Herbeiführen des Todes, das unbedingt abzulehnen sei, und dem Sterbenlassen: "Es darf kein Leben um jeden Preis geben." Juristisch sei bereits geregelt, dass kein Patient gegen seinen erklärten Willen am Leben gehalten werde.

Genau davor hat das Dignitas-Mitglied Käthe Nebel jedoch Angst. Jahrelang begleitete sie als Hospizmitarbeiterin Sterbende, das Erlebnis mit einer Krebspatientin prägte sie: "Sie schrie vor Schmerzen", sagt Nebel und beschreibt die scheinbar unerträgliche Situation. Als es auch nach der Gabe von Morphium nicht besser geworden sei, fragte Nebel, so erzählt sie es, die Ärztin: "Warum geben Sie ihr nicht mehr Morphium, damit sie die Schmerzen nicht spürt?" Die Ärztin soll geantwortet haben: "Aber dann stirbt sie ja." Kurz darauf sei die Frau verstorben, ohne ärztliches Zutun. Noch immer müsse Nebel den Kopf darüber schütteln, dass die Patientin zuvor so habe leiden müssen. Später begleitete Nebel eine Freundin in die Schweiz, wo sie von einem Verein Natriumpentobarbital bekam – ein friedliches Erlebnis, wie sie sagt. Auch Nebels Freunde wissen, dass sie ihren Suizid bereits geplant hat. Familie hat sie nicht. "Das macht es vielleicht einfacher", gibt die muntere Frau zu.

Auch für Philippe Merz ist die Feststellung, dass "kein Mensch eine Insel" ist, wichtig – in der Debatte müsse das Umfeld immer mitbedacht werden. Merz ist Philosoph und Geschäftsführer der Freiburger Thales-Akademie, die seit diesem Monat als erste Akademie in Baden-Württemberg Weiterbildungen in Medizinethik anbietet. Auf den ersten Blick könnte man meinen, Merz befürworte Suizidbegleitung eindeutig, wenn er sich dafür ausspricht, Menschen am Ende ihres Lebens Entscheidungsfreiheit zuzugestehen. Doch als Philosoph gehe es ihm darum, offen auf das Thema zu schauen – die aktuelle Debatte werde zu hitzig geführt. "Es ist auffällig, dass sowohl Gegner als auch Befürworter des Paragrafen 217 mit Autonomie argumentieren", so Merz. Wo die einen den bevormundenden Staat kritisierten, der Bürgern vorschreibe, wie diese sterben dürfen, führten die anderen an, Angebote zum assistierten Suizid könnten Schwerstkranke unter Druck setzen, früher aus dem Leben zu scheiden, als sie es eigentlich wollten. Beiden Seiten legt er die Worte des Philosophen Hans-Georg Gadamer ans Herz: "Der Andere könnte recht haben."

Mit einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts ist in einigen Monaten zu rechnen.
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