Krieg in der Ukraine

Drei Politikerinnen aus Lviv appellieren an Freiburg, im Engagement nicht nachzulassen

Uwe Mauch

Von Uwe Mauch

So, 29. Mai 2022 um 18:49 Uhr

Freiburg

Drei Politikerinnen aus der ukrainischen Partnerstadt waren vier Tage zu Besuch in Freiburg. Sie bedankten sich mehrfach für die Hilfe und berichteten, was ihre Stadt dringend braucht.

Die Aufmerksamkeit für den Krieg in der Ukraine sinkt, die Hilfsbereitschaft stagniert bestenfalls, doch gleichzeitig wächst die Not. Darauf haben drei Frauen aus der Partnerstadt Lviv hingewiesen, die auf Einladung zweier Ratsfraktionen Freiburg besuchten. Für die seit Wochen gezeigte Solidarität bedankten sie sich mehrfach – und baten in einer Diskussionsrunde im Vorderhaus inständig um weitere Unterstützung. Es fehle an allem, was es zum Leben brauche.


Die Resonanz im Vorderhaus weist auf nachlassendes Interesse hin

Wie zum Beweis des nachlassenden Interesses fanden am Samstagabend keine drei Dutzend Besucherinnen und Besucher den Weg ins alternative Kulturzentrum in Herdern. Darunter einige Mitglieder der Fraktionen Jupi (5 von 48 Sitzen) und der Grünen (13 Sitze). Sie hatten die kleine Delegation eingeladen und finanzierten mit städtischem Zuschuss den viertägigen Aufenthalt, wie Jupi-Stadtrat Simon Waldenspuhl erklärte, der die Hilfsaktionen maßgeblich mitinitiierte.
Protokoll einer Fahrt in die Sicherheit: Helfer bringen Flüchtlinge nach Freiburg

Das Trio repräsentiert verschiedene Ebenen: Natalia Pipa sitzt als Abgeordnete im ukrainischen Parlament, Viktoria Khrystenko ist Stadträtin in Lviv, und Tetyana Khabibrakhmanova leitet im Rathaus Lviv das Büro für Außenbeziehungen. "Wir spüren die Unterstützung", sagt Verwaltungsmitarbeiterin Khabibrakhmanova. Mit dem Freiburger Gemeinderatsteam könnten sie "Probleme und Gefühle teilen". Stadträtin Khrystenko kommt von ihrem hohen Stresslevel runter. "Hier kann man bei offenem Fenster schlafen, ohne Raketen zu hören."

Freiburg sei eine der ersten Städte gewesen, die nach Kriegsbeginn ihre Hilfe anboten. Überhaupt habe Lviv schon vor dem Krieg – inspiriert von der Kooperation mit Freiburg – anderen Städten geholfen, europäische Partner zu finden. Besonders nützlich seien die Lkw-Lieferung mit Generatoren gewesen, die die zerstörte Energieversorgung ersetzten.


Die Infrastruktur von Lviv schafft den Flüchtlingszustrom nicht

Fünf Millionen Flüchtlinge seien bislang nach Lviv gelangt und meist weitergereist. "Zu viele für unsere Infrastruktur", sagt Stadträtin Viktoria Khrystenko. 500 Bunker und Keller sowie einfache Container dienen als Unterkünfte. Vor dem Kulturzentrum, das zum Essenstreff wurde, bilden sich täglich vierstündige Warteschlangen. Aufgeben ist keine Option. Ohne zu wissen, wo das Geld herkommt, will Lviv eine Tramtrasse von der Innenstadt zum Krankenhaus (30 Millionen Euro) realisieren sowie ein Reha-Zentrum für Kriegsversehrte (75 Millionen Euro). Darüber hätten sie mit Experten einer Freiburger Klinik gesprochen. "Wir haben keine Erfahrung mit so etwas", sagt die Verwaltungsmitarbeiterin. Jetzt suche die Stadt Architekten, Baufirmen, finanzielle Hilfen.

Frustriert sind sie von den Vereinten Nationen. Es gebe viele UN-Delegationen in Lviv, viele Diskussionen, berichtet Tetyana Khabibrakhmanova. "Aber ehrlich gesagt, wissen wir nicht, was dann passiert." Parlamentarierin Natalia Pipa ist desillusioniert: "Die UN sind eine tote Organisation." Es gibt gleichwohl viele Unterstützer vor Ort. Das Kinderhilfswerk Unicef sei stark engagiert. Eine bis dato unbekannte Organisation habe spontan Küchenausstattungen in riesigen Trucks hergebracht und Essen gekocht – bislang zwei Millionen Portionen.

Die Ukraine und Lviv werden noch lange auf Unterstützung angewiesen sein. Gebraucht werde alles, sagen die drei Frauen: Medikamente und technische Geräte, Essen, Hygieneprodukte – und natürlich Geld. In der Diskussion sind auch neue Vorschläge zu hören: Dinge, die in Lviv benötigt werden, könnte die Website der Stadt Freiburg auflisten. Die Fußballvereine könnten kooperieren, Schulen könnten Kontakte via Zoom aufbauen, Kindern könnte eine Auszeit in Freiburg ermöglicht werden. "Aber wie können wir die Hilfe aufrechterhalten?", fragt Stadtrat Waldenspuhl. Darauf konnte auch die Veranstaltung, die Grünen-Stadträtin Anke Wiedemann mitmoderierte, keine Antwort geben. Worte brauchten die zwei Musikstudentinnen der Kiewer Musikakademie nicht, die den Abend künstlerisch mitgestalteten. Ihre Stücke drückten Schmerz aus. Aktuell studieren sie an der Musikhochschule Freiburg.