Dorffest

Der Musikverein Offnadingen feiert seinen 100. Geburtstag

Andrea Gallien

Von Andrea Gallien

Fr, 13. September 2019 um 00:00 Uhr

Ehrenkirchen

Der Musikverein Offnadingen wird 100 und feiert beim Dorffest. Über die Geschichte des Vereins berichten Karl und Jürgen Schleer, Vater und Sohn, der eine war Vorsitzender, der andere ist es.

Seit 100 Jahren gibt es in Offnadingen den Musikverein. Mit seinen knapp 50 Aktiven und 200 passiven Mitgliedern ist er die Säule des gesellschaftlichen Lebens in diesem Ortsteil von Ehrenkirchen. Die Jubiläumsfeierlichkeiten laufen bereits das ganze Jahr über, ein Höhepunkt ist jetzt das Dorffest vom 13. bis 16. September. Zwei Aktive spielen Flügelhorn und Schlagzeug, waren und sind Vorsitzender des Vereins und sind Vater und Sohn: Karl und Jürgen Schleer.

Sechs Schleers spielen derzeit in der Kapelle, der siebte ist zehn Jahre alt, Enkel von Karl Schleer, Schlagzeuger wie sein Vater. Bald wird auch er aktiv im Musikverein mitwirken. Dass ganze Familien über mehrere Generationen im Verein gemeinsam Musik machen, ist in Offnadingen nichts Ungewöhnliches. Die Strubs, Herrenwegers oder Fehrs tauchen in mehreren Registern auf. Jürgen Schleer berichtet das, und er muss es wissen. Er ist das wandelnde Archiv des Vereins. Seit einmal in der Badischen Zeitung ein Foto vom jungen Solisten Jürgen Schleer erschien, sammelt er alles, was er über den Verein finden kann – von alten Fotos über Plakate, Musikprogramme und Kassetten. Mehr als 20 Aktenordner reihen sich im Keller aneinander, sorgfältig durchnummeriert. Ganz vorne die Originalstatuten des Offnadinger Musikvereins aus dem Gründungsjahr 1919 und ein Bild der Musiker von 1920.

1951, damals lebten in Offnadingen rund 300 Menschen, entschied sich Karl Schleer, gemeinsam mit seinem Schulfreund Ernst Herrenweger in den Musikverein einzutreten. 25 Musiker spielten zu dieser Zeit in der Kapelle, darunter auch der Vater von Ernst Herrenweger. Notenlesen konnte Karl Schleer nicht, ein Instrument spielte er erst recht nicht. Außerdem waren die kurz nach dem Krieg auch teuer. Also entschieden sich Schleer und sein Freund Ernst, das Instrument von Herrenwegers Vater zu lernen, das Flügelhorn. In den folgenden Jahren teilten sich die drei das Flügelhorn, übten abwechselnd. Nach anderthalb Jahren hielt Dirigent Josef Stamm die beiden Neuzugänge für so weit, dass sie bei den Proben des Hauptorchesters, später auch bei Konzerten mitspielen durften. Karl Schleer tut das bis heute. Mit 83 Jahren, davon 68 Jahren als Vereinsmitglied, ist er der älteste aktive Musiker im Verein.

Er greift zu einem Zettel, er hat sich aufgeschrieben: In den 68 Jahren hat er sechs Dirigenten erlebt, davon 39 Jahre den derzeitigen Oskar Burgert und sechs Vereinsvorsitzende. Einer von ihnen war er selbst. Von 1977 bis 1994 hatte er das Amt inne, musste zunächst als zweiter Vorsitzender einspringen, als sein Vorgänger krankheitshalber ausschied.

Fragt man Karl Schleer, woran er sich besonders erinnert an seine Amtszeit, nennt er vor allem die Kontakte, die der Verein damals aufgenommen hat. Gleich nach seiner Wahl 1977 verließ der Verein für einige Tage Offnadingen in Richtung Norden. In Bösel bei Cloppenburg stand ein internationales Musikertreffen mit Wertungsspiel an. Fanfarenzüge und Blasmusiken waren dabei, bewertet wurden das Spielen im Stehen und Marschmusik in Formation, auch durch eine Kurve. Das Üben auf dem Flugplatz in Eschbach hatte sich gelohnt: Der Verein belegte den ersten Platz und der Dirigent in seiner Wertung ebenfalls. "Das war ein Erlebnis", schwärmt Karl Schleer noch heute.

"Die einen finden in der Kur einen Kurschatten,

andere einen Musikerfreund"

Karl Schleer
In Bösel lernten die Musiker die österreichische Kapelle aus St. Margrethen in Vorarlberg kennen. Es gab Besuche und Gegenbesuche. Dann traf in einer Kur Ernst Herrenweger auf Sepp Grässer, der wiederum in einer Kapelle in Hofs im Allgäu spielte. Es folgten Einladungen zum Dorffest hier und dort, die Freundschaft hält seit nunmehr 40 Jahren. Gemeinsam wurde dieses Jubiläum 2018 gefeiert, ohne Musik, aber mit gemeinsamem Picknick und Fußballschauen. Fazit von Karl Schleer: "Die einen finden in der Kur einen Kurschatten, andere einen Musikerfreund".

Und: "Über Musik lernt man Leute kennen". Ein weiteres Beispiel dafür ist die Geschichte eines Offnadingers, der in Kiel Schiffbau studiert, eine Familie kennenlernt, die Frau ist Vorsitzende eines Musikvereins. Es folgen Einladungen zur Kieler Woche, nach Offnadingen, gemeinsame Urlaube. Die private Verbindung der Schleers zu der Familie besteht noch heute: Und Christa Preuß, so heißt die Dame, kommt zum Jubiläumsdorffest.

Bevor die nächste Generation Schleer den Vorsitz des Musikvereins übernahm, stand Eckhart Gysler 21 Jahre an dessen Spitze. 2015 ging das Amt dann an Jürgen Schleer. Er ist 50 Jahre alt und spielt seit seinem zehnten Lebensjahr Schlagzeug. Heute kommen noch Pauke und Xylophon dazu "und alles, was mit Rhythmus zu tun hat und Krach macht". Das Schlagzeug, sagt er, "ist überspitzt gesagt die Verlängerung des Dirigenten". Jürgen Schleer teilt sich den Posten des Vorsitzenden mit Iris Strub. Erstmals steht mit ihr eine Frau an der Spitze des Vereins.

In der Ära Karl Schleer hatte die Kapelle die ersten Frauen überhaupt aufgenommen. Die Vereine in den umliegenden Dörfern seien bei dem Thema bereits fortschrittlicher gewesen als die Offnadinger. Die Sorge, Frauen im Verein seien auch die ersten, die ihn wieder verlassen, weil sie wegziehen oder sich beruflich verändern, hat sich nicht bestätigt, gibt Karl Schleer zu. Heute ist knapp die Hälfte der Kapelle weiblich. Mit den Frauen hat sich die Kapelle auch verändert, denn sie spielen – mit Ausnahmen – auch andere Instrumente, Querflöte oder Klarinette etwa. Und damit erweiterte sich auch das Repertoire.

Was macht den Reiz des Musikvereins Offnadingen aus? Es ist der einzige Verein im Dorf, einen Sportverein gibt es nicht. Auch die Jugendfeuerwehr übt in Ehrenkirchens Ortsmitte. Daher zieht es bereits die Kinder dahin, wo auch Eltern und Großeltern sind: zur Musik. Und weil Musiker offene und kontaktfreudige Menschen sind, strahlt dies auch auf die Atmosphäre im Ort aus, meint Jürgen Schleer. Das merken offenbar auch die Neubürger. Viele haben sich beim Verein gemeldet. Sie wollen gerne in der Gemeinschaft dabei sein – wenn nicht als Musiker, dann als freiwillige und ehrenamtliche Helfer beim Dorffest.

Das Festprogramm:

Freitag, 13. September:

18 Uhr: Festeröffnung
19.30 Uhr: Musik mit der Band Paradise
Samstag, 14. September:
9.30 Uhr: Jahrmarkt auf der Insel

und Oldtimer -Ausstellung
14 Uhr: Kindernachmittag
18 Uhr: Konzert mit Viera Blech, vorher spielt die Schütz Dich Liesel Combo
Sonntag, 15. September:
9.30 Uhr: Festgottesdienst im Zelt
14 Uhr: Festumzug
Ab 14.30 Uhr: Musik, gespielt von benachbarten Vereinen
Montag, 16. September
15 Uhr: Seniorennachmittag
16.30 Uhr: St. Georgener Rentner Band und Handwerkervesper;
19 Uhr: Musik mit den fidelen Breisgauern