Ein Acker für alle

Christine Speckner

Von Christine Speckner

Sa, 07. Dezember 2019

Bad Krozingen

Der Tunseler Biobauer Michael Selinger will mit "Solawi" Verbraucher und Bauern zusammenbringen.

BAD KROZINGEN-TUNSEL. Einer für alle – alle für einen: So sieht das neue Konzept aus, mit dem Michael Selinger ab 2020 an den Start geht. Sein Kleinsthof am Ortsrand von Bad Krozingen-Tunsel wird ein Solawi-Betrieb. Das Kürzel steht für Solidarische Landwirtschaft. Der Kunde leistet vorab einen monatlichen Beitrag. Im Gegenzug erhält er frisches Gemüse und unterstützt den Biobetrieb – auch wenn die Ernte mal nicht so üppig ausfällt.

Die Idee der solidarischen Landwirtschaft (Solawi) geht so: Der Betrieb ernährt die Menschen und alle teilen sich die damit verbundene Verantwortung. Die Mitglieder finanzieren nicht das einzelne Lebensmittel, sondern eine bestimmte Form von Landwirtschaft. Sie ist kleinbäuerlich, vielfältig, regional und gesund. Sie verpflichten sich auf Basis der geschätzten Jahreskosten der landwirtschaftlichen Erzeugung im Voraus einen Beitrag an den Solawi-Betrieb zu zahlen. "Wir rechnen mit einem monatlichen Beitrag von 80 bis 120 Euro", schätzt Selinger. Dafür erhält man jede Woche eine Kiste frisches Gemüse. Die Ernte kann voraussichtlich in Tunsel ab Feld und beim Staufener Wochenmarkt abgeholt werden kann. "Die Verbraucher profitieren von der Frische und Regionalität der Nahrungsmittel", erklärt Selinger. Die Solawi-Gruppe garantiert ihm die Abnahme der Erzeugnisse. Dabei gewinnen die Kunden mehr Einblick in die Produktion, sie wissen wie und wo angebaut wird. Auf der anderen Seite hat er als Erzeuger Planungssicherheit und teilt das Risiko einer geringeren Ernte.

Michael Selinger geht es nicht allein um den Verkauf. "Mir ist Beziehung wichtig", sagt er. Gemeinschaft stehe im Vordergrund. Sicher benötigt nicht jeder dieselbe Menge Gemüse. Dass der Bedarf einer Familie größer ist als der eines Single-Haushalts versteht sich. Und womöglich gibt es Menschen, die in der Kantine essen, also weniger selbst kochen, aber trotzdem gerne mit einsteigen würden. Kein Problem, meint der Biobauer. Jeder könne sich und seine Fähigkeiten einbringen in die Gemeinschaft. Der eine durch freiwillige Mitarbeit auf dem Feld, andere könnten Aufgaben übernehmen wie Mithilfe bei der internen und externen Kommunikation. Etwa einen Newsletter initiieren und vieles mehr. "Vielleicht kocht jemand und organisiert ein gemeinsames Essen." Auch eine passive Mitgliedschaft, ohne Mitarbeit sei denkbar. Auf jeden Fall soll kein anonymes Entnahmesystem entstehen, wo sich jeder bedient wie im Supermarkt. Vielmehr sollen die Vorlieben der einzelnen Mitglieder berücksichtigt werden. Selinger ist sicher, dass sich das mit der Zeit einspielen wird. Vorausgesetzt die Kommunikation untereinander kommt in Gang. Dafür will er einiges tun. Geplant sind gemeinsame Treffen, bei denen sich die Anteilnehmer kennenlernen. Bunt gemischt soll die Gruppe sein: Jung und Alt, Familien und Alleinstehende, Berufstätige und Rentner. Im Gegenzug möchte er einen Lernort bieten, ein Naturerlebnis und Verständnis für eine nachhaltige Anbauweise wecken, die er auf einer Fläche von fünf Hektar betreibt.

Gegründet hat Selinger seinen "Kleinsthof" 2017. Der gebürtige Merdinger fing auf dem Acker seines Urgroßvaters an. Auf dem Staufener Wochenmarkt stand der Familienvater im Sommer 2018 mit zwei Salatköpfen und einer Handvoll Tomaten. Mehr gab die Ernte nicht her. Heute beliefert er die gehobene Gastronomie und hat Stammkunden. Auch wenn mal weniger auf seinem Markttisch liegt und die Auswahl nicht groß ist. "Ich kaufe keine Produkte zu, bei uns zählt die Frische", erklärt er. Auch sonst verfolgt Selinger sein eigenes Konzept. Der studierte Geoökologe arbeitet etwa Kompost in die Böden ein, um die Wasserhaltefähigkeit zu verbessern. Großes Gerät sucht man bei ihm vergebens. Das Saatgut gewinnt er teilweise selbst und experimentiert mit alten Sorten wie Butterkohl, einer fast vergessenen Kohlart.

Zusagen für Solawi-Mitgliedschaften gibt es bereits. Das Ziel ist 60 bis 80 Haushalte zu finden, die mitmachen. Läuft es nach Plan, können die ersten Gemüsekisten ab April 2020 abgeholt werden, gefüllt mit Salat, Kohlrabi, Radieschen und weiterem saisonalem Gemüse. Neu ist die Idee der Solidarischen Landwirtschaft übrigens nicht. In Deutschland gibt es rund 260 Betriebe, die Mitglied im bundesweiten Netzwerk der Solawi-Landwirte sind. "Wir freuen uns, wenn in der Region weitere Solawis entstehen", so Selinger.