"Ein Jahr Vorbereitung ist für die Katz"

skk

Von skk

Mo, 29. Juni 2020

Bad Säckingen

BZ-INTERVIEWmit Thomas Fleck vom Casalquartett über die schwierige Lage von Künstlern in der Corona-Krise und das Wegbrechen der Einnahmen.

. Für viele Kulturschaffende ist die Corona-Krise existenzgefährdend. Sabine Gems-Thoma sprach darüber mit Markus Fleck, der Mitglied des bekannten Casalquartetts ist.

BZ: Herr Fleck, Sie gastieren mit Ihrem Streichquartett auf der ganzen Welt. Wann wurde Ihnen klar, dass wegen Corona Auftritte nicht mehr möglich sein werden?

Fleck: Erste Befürchtungen kamen Ende Februar, da waren wir in Neuseeland unterwegs. Von Tag zu Tag wurde das Reisen mehr zum Problem. Anfang März fiel ganz schnell der Vorhang. Unser letztes Konzert war am 8. März in Beinwil in der Schweiz. Es durften nur noch 70 Leute in den Saal, der 220 Zuhörern Platz bietet. Das wirkte wie ein Abschied. Ab da kam praktisch jeden zweiten Tag eine Absage. Das war sehr, sehr deprimierend.

BZ: Was bedeuten diese Einschränkungen für Sie, auch in finanzieller Hinsicht?

Fleck: Aus finanzieller Sicht war ein 100-prozentiger Verlust der Konzerteinnahmen erst einmal schockierend. Zum Glück sind wir als selbstständige Künstler an die schweizerischen Sozialwerke angebunden, so konnten wir einen Teil unseres Einkommens erhalten. Wären wir, wie andere Freiberufler, ausschließlich auf die deutschen Soforthilfen angewiesen, sähe es ganz düster aus. Ich glaube ganz sicher, dass hier nachgebessert werden muss. Denn aufzutreten wird aufgrund der hohen Auflagen vorerst schwierig bleiben. Kulturbetriebe leben von einer langfristigen Planung. Der Prozess zurück zu einem normalen Kulturleben ist erst ganz am Anfang.

BZ: Wie hat sich ihr beruflicher Alltag verändert?

Fleck: Wir hätten sehr gerne im Juni wieder angefangen zu arbeiten. Proben, Aufnahmen und Projektplanung, das wäre möglich gewesen. Leider hat sich unser erster Geiger den Arm gebrochen. Wir hoffen sehr, dass er bis Mitte August wiederhergestellt ist, da haben wir drei Konzertauftritte in Dänemark. Sie sind unser Lichtblick. Diese Woche hätte unser eigenes Festival, der "Boswiler Sommer", zum 20. Mal stattgefunden. Ein Jahr Vorbereitung ist für die Katz. Unser musikalischer Alltag ist noch sehr überschaubar. Man übt, man plant, soweit es geht – und hofft, dass es nicht noch einmal eine Absagewelle gibt. Es entstehen auch Konzepte, etwa kürzere Konzerte vor weniger Leuten, dafür zweimal hintereinander zu geben. Bezirkskantor Matthias Flierl regte spontan zu einigen musikalischen Andachten in verschiedenen Kirchengemeinden an, zu zweit, zu dritt. Es ist schön, dass man ein paar Aktivitäten hat.

BZ: Sie leben mit ihrer Frau, Ensemblemitglied Rachel Späth, und ihren beiden Kindern in der Villa Schubert in Hohentengen, ihr Bruder Andreas zeitweise hier, sonst in Zürich, Felix Froschhammer in Lausanne. Wie wurde die gemeinsame künstlerische Arbeit fortgesetzt?

Fleck: Diese lag brach. Was wir gemacht haben: Wir bereiteten ganz intensiv unsere nächste Publikation vor. Im September kommt unsere fünfteilige CD-Produktion "Beethovens Welt" heraus. Dafür hatten wir jetzt Raum. Und darüber nachzudenken, wie es nach all dem weitergeht, welche Programme und Ideen sind nach so einem Einschnitt wieder denkbar.

BZ: Was ist schon wieder möglich?

Fleck: Wir haben Konzertabsagen bis in den Oktober. Kleinbesetzte Programme können wieder stattfinden: ein Open-Air-Konzert im Juli in Zürich, die Wiedereröffnung des Künstlerhauses Boswil Anfang August, noch ohne Felix Froschhammer. Die Verleihung des Musikpreises der Kaminski-Gesellschaft im September ist auf nächstes Frühjahr verschoben, dafür spielen wir im September in der Waldshuter Versöhnungskirche. Vor einer CD-Produktion gab es im November 2019 ein wunderbares Konzert in Hohentengen mit dem Casalquartett und Fazil Say.

BZ: Was haben Sie unter dem Diktat von Corona erlebt?

Fleck: Ganz persönlich: Entschleunigung, Konzentration auf das Wesentliche, aber auch Sorgen. Manche Ideen konnten reifen, die Stille am Himmel (wenn auch mit bitterem Beigeschmack), Zeit für die Kernfamilie, das war sehr positiv. Um lebendig, frisch zu bleiben, braucht es aber Impulse von draußen, in der Interaktion. Ich hoffe, dass wir alle das Leben mit einem neuen Erfahrungshorizont betrachten können, um besser zu machen, worüber wir uns bisher immer nur beklagt haben. Und dass wir achtsamer miteinander umgehen. Das bedingt Respekt und Aufmerksamkeit füreinander.

Markus Fleck (51), Viola, gehört zusammen mit seinem Zwillingsbruder Andreas Fleck (Violoncello) und seiner Frau Rachel Späth (Violine) zu den Gründern des Casalquartetts. Seit 2013 spielt Felix Froschhammer im Ensemble mit (Violine). Das 1996 gegründete deutsch-schweizerische Streichquartett ist regelmäßig zu Gast an bedeutenden Festivals und Konzertreihen.