Ein Leben mit Unterschieden

Mario Schöneberg

Von Mario Schöneberg

Fr, 22. Januar 2021

Gottenheim

Zum Tag der Deutsch-Französischen Freundschaft: Französin Cécile Couron und ihr deutscher Mann Paul Dietz leben in Gottenheim.

. Mit dem Deutsch-Französischen Tag am heutigen 22. Januar wird gefeiert, dass seit vielen Jahren eine Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich besteht. Grund genug, mit einem Paar aus Gottenheim zu sprechen, die die deutsch-französische Verbundenheit (er-)lebt.

Während ihr Großvater noch als Soldat in deutscher Kriegsgefangenschaft war, fühlt sich Cécile Couron als Französin in Deutschland sehr wohl. Sie lebt heute mit ihrem deutschen Mann und vier Kindern in einem Eigenheim und dirigiert den Gottenheimer Männergesangverein. "Wir sind oft bei der Familie meiner Frau zu Besuch, und ich habe als Deutscher fast nie negative Reaktionen bemerkt", erzählt ihr Ehemann Paul Dietz, von Beruf Bauingenieur. "Doch einmal habe ich zu einem unserer Kinder auf Deutsch gesagt, es soll zu uns kommen – aber schnell, schnell. Da hat die Großmutter erklärt, das möchte sie nie wieder hören". Dieses "schnell, schnell" habe sie noch aus den Zeiten der deutschen Besetzung gekannt, und das habe wohl negative Erinnerungen hervorgerufen.

"Als Kind hatte ich das Gefühl, dass meine Heimat noch stark vom Krieg geprägt ist", erinnert sich Cécile Couron. "Doch als ich später viel durch Deutschland gereist bin, war ich als Französin überall willkommen, besonders der respektvolle Umgang hat mich stark beeindruckt". Ihr Vater sei stolz, "dass ich jetzt in Deutschland lebe und nimmt sich immer wieder vor, Deutsch zu lernen", berichtet Cécile Couron. Auch für die zwei Brüder und den Rest der Familie sei das kein Problem, nur für die Mutter lebe sie zu weit weg von zuhause. Verständlich, ist die 37-Jährige doch in der Normandie in der Nähe von Rouen aufgewachsen. Nach dem Abitur studierte sie Klavier, und ihr Weg führte sie über Paris im Jahr 2008 für ein knappes Jahr nach Freiburg an die Musikhochschule. Hier habe sie eine Gelegenheit zum Üben gesucht, erinnert sich die vierfache Mutter, fündig wurde sie bei einer Kirchengemeinde. Der Hausmeister sollte ihr aufschließen und das war Paul Dietz, der sich damals so etwas dazu verdiente. "Cécile übte regelmäßig in der Kälte, der Raum wurde nur zu Gottesdiensten geheizt. Da hat sie mir leidgetan, und ich habe sie immer wieder zum Tee eingeladen", erzählt Dietz. So entstand eine Freundschaft, die auch hielt, als Cécile Couron für zwei Jahre nach Straßburg ging. Sie trafen sich regelmäßig, die junge Pianistin kam alle zwei Wochen zurück nach Freiburg, um ihre Klavierschüler zu betreuen. Die beiden wurden ein Paar und heirateten später.

Essen, um satt zu werden, oder aus Vergnügen

Über einen Freiburger Frauenchor, dessen Leitung Cécile Couron übernahm, bekam sie den Tipp, doch mal beim Gottenheimer Männergesangverein zu dirigieren – zum Jahreswechsel 2011/12 bekam sie den Posten. Später zog das Paar nach Gottenheim. "Ich habe mich in Freiburg sehr wohl gefühlt, eine Rückkehr nach Frankreich war keine Option", erinnert sich Cécile Couron. Dennoch fielen ihr einige Unterschiede auf. "Ich war überrascht, hier haben alle an der Fußgängerampel gewartet, obwohl kein Auto kam. Später in Straßburg hatte ich einen Beinahe-Unfall, ich lief über einen Zebrastreifen und kein Auto hat gehalten."

Unterschiede gibt es auch beim Essen. "In Deutschland wird gegessen, um satt zu werden, in Frankreich ist es ein Vergnügen, ein Ritual", sagt Paul Dietz, der in Freiburg geboren wurde und eine italienische Mutter hat. Deren Eltern wiederum haben viele Jahre in der französischen Schweiz gelebt, daher spricht Dietz fließend Französisch. Wenn auch mit einem sehr eigenwilligen Akzent, so dass ihm seine Frau anfangs verboten hat, mit den Kindern Französisch zu sprechen.

Heute geht der Nachwuchs, der zwei Staatsbürgerschaften hat, in Gottenheim in den Kindergarten und zur Schule, daheim wird aber zumeist Französisch gesprochen. "Ich habe selbst gemerkt, wie schwer es ist, Französisch auf hohem Niveau zu sprechen, wenn man es nicht richtig fördert", erklärt Paul Dietz.

Eine gewisse Konkurrenz gibt es bei Familie Couron/Dietz auch beim Essen. "Wir kochen beide gern und buhlen dabei immer ein wenig um die Gunst der Kinder", erzählt der 47-jährige Familienvater schmunzelnd. Oft habe er aber mit italienischer Pasta die Nase vorn.

Und von der großen Politik, von der deutsch-französischen Freundschaft, was würden sie sich wünschen? "Wir sollten mehr voneinander lernen. In Deutschland hat der einzelne mehr Sinn fürs Gemeinwohl. In Frankreich ist man in anderen Dingen besser aufgestellt, zum Beispiel bei der Digitalisierung".

Mit großer Freude fährt die Familie immer wieder nach Breisach und über den Rhein. "Es ist toll für die Kinder, dort einfach und problemlos Verkehrsschilder in zwei verschiedenen Sprachen zu sehen", erzählt das Paar.