"Ein Monument der Schande"

René Zipperlen

Von René Zipperlen

Fr, 04. Juni 2021

Literatur & Vorträge

BUCH IN DER DISKUSSION: Götz Aly prangert deutsche Verbrechen in der Südsee an und attackiert das Humboldt Forum.

"Die Firma Hernsheim hat die Inseln rattenkahl absammeln lassen; es ist ein ethnographischer Raubzug, wie ich ihn noch nicht gesehen habe". Der Historiker Götz Aly fällt in "Das Prachtboot" ein vernichtendes Urteil über die deutschen Kolonialherren in der Südsee zwischen 1880 und 1914 – dabei stammt das Zitat gar nicht von ihm. Sondern vom Sammler und Ethnographen Richard Parkinson aus dem Jahre 1904. Auch Felix von Luschan, später Ozeanien-Kurator im Berliner Völkerkundemuseum, wunderte sich 1896 über die "ungeheure und unerhörte Plünderung".

Aly stößt sein Buch wie einen Speer in die Vorbereitungen zur Eröffnung des Berliner Humboldt Forums mit seinen Schätzen aus aller Welt: Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit ihren rund 65 000 Südsee-Objekten habe ein "Monument der Schande" geschaffen. Für Aly sind diese im Grunde alle gestohlen oder unmoralisch beschafft worden.

Aly erzählt eine Geschichte von Enteignung, Menschenhandel und Zwangsarbeit, bei der Plantagenbesitzer, Handelsfirmen und Kriegsmarine Hand in Hand arbeiteten. Weil auf den Handelsstationen stete Angst vor Rache der Einheimischen herrschte, sollten "Strafexpeditionen" jeden Widerstand ersticken. Die Soldaten zerstörten mit Hütten, Plantagen, Kanus und Booten die Existenzgrundlage der Einwohner. Die teils fingierten Anlässe dieser "Belehrungen" lagen oft Monate, gar Jahre zurück. Doch sie waren einträglich: Rudolf von Bennigsen übergab 1899 nach einer grausamen Aktion dem Stuttgarter Lindenmuseum 250 Objekte aus Ozeanien.

Überhaupt entstand die Ethnologie Aly zufolge aus dem Geist der Kriegsmarine. Die ersten Forscher waren Ärzte auf den Kriegsschiffen, ihre wissenschaftliche Methodik eher unausgeprägt. Dafür machten einige von ihnen Karriere an der Spitze der neuen Völkerkundemuseen in Berlin (1886), Dresden oder Stuttgart. Luschan sammelte so eifrig, dass der damalige Direktor der königlichen Museen in Berlin, Wilhelm Bode, die "unerträgliche Überfüllung" der ethnologischen Abteilung beklagte. Schon 1883 hatte der Direktor des Ethnologischen Museums Dresden die Kriegsmarine gedrängt, "möglichst schnell und reichhaltig" interessante Objekte "zu beschaffen". Eile sei geboten, ehe die "Urbevölkerung" ausgestorben oder vernichtet sei – das machte wohl keinen Unterschied.

Die Bewohner des Bismarck-Archipels, dem heutigen Papua-Neuguinea nördlich von Australien, verfügten über beeindruckende handwerkliche und künstlerische Fähigkeiten sowie religiöse Kulte. Sie bauten vor vielen tausend Jahren die ersten hochseetüchtigen Segelboote der Weltgeschichte, ohne Nägel und Nieten.

Hier kommt das Prachtboot von der Insel Luf ins Spiel, das Alys Buch seinen Titel gibt und im Mai 2018 in den Humboldt-Rohbau verbracht wurde. 15 Meter lang, gilt es als einziges erhaltenes Beispiel der ozeanischen Bootskunst. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und Gründungsintendant des Forums, erklärte damals, das Prunkstück der "großartigsten Bootssammlung der Welt" sei "aufgrund des Bevölkerungsrückgangs auf der Insel nie zu Wasser gelassen worden" und 1903 "für Hernsheim & Co erworben worden". Für Aly ist das eine Verharmlosung des "indirekt völkermörderischen Treibens" der Deutschen: "Strafaktionen", Zwangsarbeit und Krankheiten wie die Syphilis brachten die Bevölkerung an den Rand des Aussterbens. Dahinter tritt fast zurück, dass es Aly zufolge keinen Beweis für einen Kauf des Bootes gibt.

Doch selbst wenn – was hieße unter kolonialen Machtverhältnissen schon "rechtmäßig erworben", fragt Aly, wenn Kunst, Boote und Kultgegenstände den Einheimischen für minderwertigen Tabak, Glasperlen und anderen Tand abgeluchst und mit großem Gewinn an Museen verhökert werden? Auch die Anthropologen wurden so versorgt: Der Handel mit menschlichen Überresten blühte ebenfalls – aus Hinrichtungen oder Grabräuberungen. Auch in Freiburg landeten Schädel aus der Südsee.

Aly hat ein wichtiges Buch geschrieben, das vieles mehrfach erzählt und außer Acht lässt, dass viele Museen derzeit die Herkunft ihrer Objekte aufwendig untersuchen. Seine Forderungen sind klar: absolute Transparenz, Verhandlungen über Rückgaben – und offene, selbstkritische Präsentation der Bestände aus kolonialer Zeit. Auf das Humboldt Forum wartet eine Menge Arbeit.