Ein Riese in der Ortsmitte

Ursula Ortlieb

Von Ursula Ortlieb

So, 15. November 2020 um 11:19 Uhr

Ühlingen-Birkendorf

Birkendorfs Mammutbaum hat in 150 Jahren einiges erlebt

. Vor 150 Jahren wurde in der Ortsmitte von Birkendorf ein Mammutbaum Wellingtonia (Sequoiadendron giganteum) gepflanzt. Andreas Baumgartner aus Solothurn schrieb begeistert in einem Brief an Familie Reichardt: "Der Mammutbaum mitten im Dorf wäre doch eine Infotafel wert, auf der Betrachter Näheres über dieses Naturwunder erfahren könnten! Sowas mitten in ihrer gepflegten und schmucken Ortschaft!"

Von Zeit zu Zeit gab es schon Befürchtungen, dass der Baum sterben könnte, weil er sehr viele braune Nadeln abgeworfen hatte. Dazu schrieben die Experten der Mainau auf Anfrage: "Der immergrüne Mammutbaum, Sequoiadendron giganteum, verliert regelmäßig und jahreszeitenunabhängig Nadeln. Sollte der Nadelverlust jedoch stärker als gewohnt ausfallen, so hängt dies meistens mit einer mangelnden Wasserversorgung zusammen. Durch die letzten warmen und niederschlagsarmen Sommer ist bei vielen alten Mammutbäumen eine ausreichende Wasserversorgung nicht mehr gewährleistet."

Die Birkendorfer Wellingtonia ist rund 27 Meter hoch und hat einen Stammumfang am Boden von 8,3 Meter und in einem Meter Höhe immerhin noch von 6,80 Metern. Im Ursprungsland erreichen solche Bäume bis 95 Meter Höhe und einen Stammdurchmesser von 17 Metern. Die Borke ist 30 bis 75 cm dick und kann daher Waldbrände überstehen.

Für die Birkendorfer gehört dieses Naturdenkmal, das im Ursprungsland bis zu 3000 Jahre alt werden kann, selbstverständlich zum Ortsbild. Auf der Insel Mainau wurden ebenfalls 1870 Bäume dieser Art gepflanzt.

Friedrich I. Großherzog von Baden (1826 bis 1907) hatte 1864 und 1870 diese Bäume pflanzen lassen. Er brachte die Samen oder Setzlinge von seinen Reisen mit, wovon viele um das Jahr 1870 in Süddeutschland gepflanzt wurden. Der Baum in Birkendorf stammt vermutlich von der Mainau. Wilhelm I. König von Württemberg (1816 bis 1864) hatte sich Wellingtonia-Samen aus Kalifornien für seine Wilhelma-Saat des Königreichs Württemberg schicken lassen.

Von wem und zu welchem Anlass in Birkendorf der Baum gepflanzt wurde, lässt sich bislang nicht mit Sicherheit sagen. Denkbar ist, dass der Baum nach dem Sieg im Deutsch-Französischen Krieg im September 1870, bei dem Birkendorf keine Gefallenen beklagen musste, der Grund für die Pflanzung war. Der Glockengießer Kolumban Schnitzer war von 1870 bis 1894 Bürgermeister von Birkendorf. Möglicherweise hatte er den Setzling anlässlich eines Mainau-Besuchs für die Dorfmitte auf dem Grundstück des späteren Bürgermeisters Johann Blatter gebracht.

Marvin Fechtig, Miteigentümer des Grundstücks, legte Wert auf wurzelschonenden Ausbau der Zufahrt zum Baugrundstück und eine wasserdurchlässige Oberfläche. Die Wellingtonia von Birkendorf hat in 150 Jahren schon manche Blessuren abbekommen und Äste verloren. So hatte ein großer Lastwagen vor einem Jahr einen dicken Ast, der über die Straße ragte, abgerissen.