Ein Solo-Marathon für die Seele

Annemarie Zwick

Von Annemarie Zwick

Do, 22. April 2021

Leichtathletik

Sie läuft und läuft: Stefanie Doll, aufgewachsen im Hochschwarzwald, bewältigt den Freiburg-Marathon allein und sammelt 2500 Ski-Kilometer auf schmalen Latten.

"Man gewöhnt sich daran, dass nichts läuft." Das sagt eine, bei der – Corona-Pandemie hin oder her – trotzdem eine Menge läuft. Genauer gesagt: sie läuft. Unbeirrt und unerschütterlich. Weil Stefanie Doll, so leistungswillig man sie seit vielen Jahren kennt, keine Wettkämpfe braucht, um an ihrem geliebten Sport festzuhalten. Wenn’s dann doch mal eine besondere Herausforderung im Läuferalltag sein soll, dann setzt sich die Topläuferin des SV Kirchzarten die kurzerhand selbst.

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Spontan und unkompliziert, wie die seit kurzem 33-Jährige eben ist. Am 11. April hätte der Freiburg-Marathon ausgetragen werden sollen. Wie schon im Vorjahr fiel das Großereignis angesichts der Pandemie flach. Und wie schon 2020 entschied sich die beste Schwarzwälder Läuferin wieder, an diesem Tag einfach ihren persönlichen Freiburg-Marathon zu laufen. Solo und mit minimalem Vorbereitungsaufwand auf der abgemessenen Strecke im Mooswald. Dass sie noch am Vortag mehr als 30 Kilometer gelaufen war – für die Physiotherapeutin kein Hindernis.

"Ich bin los mit meinem Trinkrucksack", erzählt Stefanie Doll der BZ am Telefon. Diesmal seien einige Läufer und Läuferinnen unterwegs gewesen: "Ein paar haben gesagt, sie laufen einen Halbmarathon." Die Marathon- und Bergläuferin wollte sich dagegen die volle Distanz geben, 42,195 Kilometer. "Es ging ganz gut, am Schluss hab’ ich etwas kämpfen müssen", verrät sie.

Das sei aber auch kein Wunder. Schließlich habe sie im Vorfeld keine Tempoläufe absolviert und "nix mit gescheitem Trainingsplan". Dafür lief es dann ausgezeichnet: Nach 2:54 Stunden stoppte sie ihre Uhr. Bei ihrem Solo-Marathon im Jahr 2020 war Doll zwölf Minuten länger unterwegs gewesen. Und dank der vielen langen Läufe, die sie derzeit macht, habe sie die körperliche Beanspruchung "schnell weggesteckt", sagt sie wenige Tage später. Eindrucksvoller Beleg dafür: der Lauf von ihrem Wohnort Kirchzarten über den Kybfelsen hoch auf den wieder schneebedeckten Schauinsland und über das Rappeneck und das Kappler Tal zurück nach Hause – 36 Kilometer mit 1200 Höhenmetern. Anfangs sei sie zwei Läufern begegnet, danach war sie mutterseelenallein: "Diese Ruhe genieß’ ich ja."

Apropos Schnee: Im Winter läuft Stefanie Doll liebend gern mit den schmalen Langlauflatten unter den Füßen durch die Natur. Diesmal musste die ehemalige Biathletin der Ski-Zunft Breitnau, aufgewachsen an der Gemarkungsgrenze Breitnau/ Hinterzarten, sich in Geduld üben: "Beim ersten Schnee im Dezember war ich in Quarantäne, zwölf Tage lang."

"Ich hab’ keine Lust, mir

vorschreiben zu lassen,

dann ist diese Quali."

Dolls Sicht auf sture Terminplaner
Der Grund: eine ihrer Patientinnen in der Freiburger Uniklinik war zunächst positiv auf das Coronavirus getestet worden. Statt sich auf der Loipe zu tummeln, strampelte Doll in der Wohnung auf ihrem Rennrad auf der Rolle und sah vor dem TV-Schirm ihrem Bruder Benedikt am Biathlon-Schießstand und andere Wintersportlern bei ihren Weltcuprennen zu.

Erst im Januar durfte sie selbst raus auf die Ski. Dabei endete der Spaß oft erst nach 50 oder 60 Kilometern. Als langjähriges Mitglied im "Club Thurnerspur" fuhr sie gerne hoch nach St. Märgen, denn am Thurner seien die Loipen "immer perfekt präpariert, besser geht’s nicht", lobt Doll. Nach der Arbeit ging’s auch "mal schnell an den Notschrei", Abwechslung fand sie auch am Rinken und auf der Schauinslandloipe. Rund 2500 Schneekilometer kamen so zusammen, schätzt die ehemalige Gewinnerin des "kleinen Rucksacklaufs" von Schonach nach Hinterzarten. Dass der abenteuerliche Langlauf-Klassiker über 100 Kilometer bis zum Belchen in diesem Winter vielleicht in abgespeckter Form, etwa mit Wellenstart in kleinen Gruppen möglich sein würde – auch diese Hoffnung erfüllte sich angesichts der Pandemie nicht. Seit dem 29. September 2019 ist Stefanie Doll keinen Wettkampf mehr gelaufen. Damals steigerte sie in Berlin ihre Marathon-Bestzeit als 19. und beste gebürtige Deutsche des Frauenfelds auf starke 2:35:33 Stunden. Ob in dieser Saison noch organisierte Läufe möglich sein werden, vermag sie schwer einzuschätzen. "Wenn die Impfungen gut durchgehen", wäre eine mögliche Überlegung, "dass eventuell nur Geimpfte starten dürfen", erklärt die Physiotherapeutin, die im Januar selbst geimpft wurde. Sie gehöre diesmal nicht zum "festen Covid-Team" der Uniklinik, arbeitet aber in der Thorax-Chirurgie mit Lungentransplantierten. "Dieses Jahr wird’s eher noch ein bisschen schlecht aussehen", vermutet Doll. Die größten Chancen sieht sie für sich bei kleinen Läufen, nicht bei Stadtmarathons. Falls im Oktober der Schwarzwald-Marathon in Bräunlingen ausgetragen werden kann, würde sie das sehr freuen, der Naturklassiker zählt zu ihren Lieblingsläufen.

Vor zwei Monaten überlegte Stefanie Doll ernsthaft, mit dem Leistungssport aufzuhören. Zumindest mit internationalen Titelkämpfen im Berglauf, konkretisiert sie auf Nachfrage. Trotz ihrer Erfolge: Im Jahr 2018 war sie 14. der Berglauf-Weltmeisterschaft in Andorra, 2019 Sechste der Europameisterschaft in Zermatt und damit jeweils beste Deutsche. "Ich hab’ keine Lust, mir vorschreiben zu lassen, dann ist diese Quali", erklärt sie. Die von 2020 auf dieses Jahr verschobene Berglauf-EM in Portugal ist Anfang Juli zeitgleich mit dem Zermatt-Marathon geplant, bei dem sie lieber starten würde. Andererseits könnte die Berglauf-WM über die Langstrecke in Thailand im November die Hochschwarzwälderin reizen.

Nach Rücksprache mit dem Deutschen Leichtathletik-Verband entschied sich Doll schließlich doch, den Vertrag nochmals zu unterschreiben. Somit bleibt sie eine von nur zwei Frauen im deutschen Berglauf-A-Kader. "Kämpfen gehört schon zu mir", bekennt die 33-Jährige. Auch wenn sie nicht mehr so sehr auf einzelne Ziele fokussiert sei wie in der Vergangenheit und es sinnlos finde, "jetzt auf der Bahn Tempoläufe zu knallen". Aber womöglich wachse ja die Motivation wieder: "Vielleicht kommt’s jetzt durch den Frühling." So oder so – dass bei Stefanie Doll gar nichts läuft, ist schlicht nicht vorstellbar.