"Ein titanisches Werk"

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Von dpa

Mo, 04. Juli 2022

Literatur & Vorträge

Der 95-jährige Martin Walser hat seinen Vorlass persönlich ins Deutsche Literaturarchiv begleitet.

Er wolle die "freundlich-schmerzlichen Wege weiterrutschen und die Welt wie ein Beerenfeld leer essen", hat Martin Walser Anfang der 1950er Jahre in einem seiner Tagebücher notiert. Viel hat er seither auf diesen Wegen zu Papier gebracht – und das überlässt der mittlerweile 95 Jahre alte Schriftsteller vom Bodensee nun dem Deutschen Literaturarchiv (DLA) in Marbach als sogenannten Vorlass. Zur feierlichen Übergabe kam Walser am Sonntag persönlich in die Schillerstadt am Neckar.

Insgesamt umfasst der Vorlass laut Literaturarchiv rund 75 000 handschriftliche Seiten. Hinzu komme Walsers Privat- und Arbeitsbibliothek mit über 7800 Bänden sowie Fotos und Computer-Dateien. Wichtiger Teil des DLA-Erwerbs sind 75 Tagebücher, die Walser seit den 1950er Jahren führt. Sie sind bisher nur in Teilen ediert worden. Archiviert werden auch Walsers Briefwechsel mit Alfred Andersch und Rudolf Augstein, Ingeborg Bachmann, Heinrich Böll, Jürgen Habermas, Uwe Johnson und dem Verleger Siegfried Unseld.

DLA-Direktorin Sandra Richter bezeichnete Walsers Archiv am Sonntag als "die ganze Fülle eines über 60 Jahre währenden Autorenlebens". Walser sei ein streitbarer Chronist der Bundesrepublik und ihrer Gesellschaft, seine Dokumente eine ganz außergewöhnliche Quelle für Literatur- und Zeitgeschichte. Überraschend kommt der Vorlass natürlich keineswegs in die "Kirche des unterirdischen Himmels", wie Walser das DLA einmal genannt hat. Bereits im Jahr 2004 hatte er mit dem Haus in Marbach vereinbart, dass dies der Ort sein wird, wo sein Material bewahrt, erschlossen und erforscht werden soll. Teile seiner Manuskripte und Materialien erhielt das Archiv bereits drei Jahre später.

Walsers Material umfasst inzwischen zwei Dutzend Romane, zahlreiche Novellen und Geschichtensammlungen, eine Vielzahl von Theaterstücken, Hörspielen und Übersetzungen sowie Aufsätze, Reden und Vorlesungen. "Ein titanisches Werk", sagte Literaturkritiker Denis Scheck 2021.

Von einem Vorlass spricht man, wenn Archivalien schon zu Lebzeiten zur Verfügung gestellt werden. Unterstützt wurde der Kauf nach DLA-Angaben etwa von der Kulturstiftung der Länder, der Kulturbeauftragten der Bundesregierung und vom Landeskulturministerium.