Ein unordentliches Gefühl

Ulrich Sonnenschein

Von Ulrich Sonnenschein

Do, 22. August 2019

Kino

DRAMA: Miriam Blieses "Die Liebe in ihren Einzelheiten".

"Ich hasse Dich, Du Arschloch!" brüllt Sophie (Birte Schnöink) ihrem Lebenspartner Georg (Ole Lagerpusch) hinterher, als dieser mit ihrem Sohn Jakob (Justus Fischer) im Auto davonfährt. Als er um die Ecke biegt, ist nicht nur die Szene, sondern auch eine Liebe zu Ende, die fortan in ihren Einzelteilen betrachtet wird. Sechs Jahre hat ihre Beziehung gedauert, dann war es vorbei. Niemandem ist so richtig klar, warum, aber irgendwie ist aus der Liebe eine Last geworden.

Dass Miriam Bliese "Die Liebe in ihren Einzelheiten" mit dieser Szene einer – harmlosen – Kindesentführung beginnt, ist kein Zufall. Hier wird eine Beziehung von ihrem Ende her seziert. Dabei ist dieser Film kein psychologisches Erzählkino, sondern eher eine Bestandsaufnahme. So wie die Liebe keine glänzende Einheit ist, die alle Widersprüche vereinigt, wird auch der Film in signifikante Einzelteile zerlegt. Er springt auf der Zeitskala der letzten sechs Jahre hin und her, landet bei glücklichen, schwierigen und lösbaren Szenen. Mal im Sommer, mal im Winter und doch ist die vorherrschende Farbe Weiß. Wie in einem Labor.

Als Sophie und Georg sich ineinander verlieben, ist sie hochschwanger. Der Kindsvater ist irgendwo in Schottland, Georg begleitet Sophie zur Entbindung, ist für sie da, erst nur als Freund und bald auch als Liebhaber. Irgendwann adoptiert er ihren Sohn Jakob – damit scheint die Familie zumindest nach außen hin stabil. Im Inneren stehen Leidenschaft, Begehren, Karrierewünsche und Broterwerb einander feindlich gegenüber.

Bis Georg als Architekt in Rotterdam arbeiten soll und Sophie mit einem Kollegen schläft. Zum Zeitpunkt der Trennung ist Jakob sechs Jahre alt, und wird zum Zentrum des Streits seiner Eltern. "Er ist ja nicht mal von Dir!" schleudert Sophie Georg entgegen, aber er kämpft weiter darum, seinen Sohn sehen zu dürfen. Bis Sophies neuer Partner Fred (Andreas Döhler) beginnt, zu vermitteln.

Liebe ist keinesfalls nur schön, das will der Film zeigen, aber man sucht sie doch immer wieder. Ohne jede Erfolgsgarantie. Innerhalb seiner strengen Inszenierungsstruktur ist "Die Einzelteile der Liebe" ein lebendiger, sehr am Alltag der Figuren orientierter Film. Die Einzelteile haben Kraft und Bedeutung für das Ganze, man weiß nur nicht so genau welche. Damit ist dieser Film weitaus näher an dem unordentlichen Gefühl der Liebe als jede Romanze.

"Die Einzelteile der Liebe" (Regie: Miriam Bliese) läuft in Freiburg. Ab 0.