Ein viel zu milder Winter

Andreas Frey und dpa

Von Andreas Frey & dpa

Sa, 29. Februar 2020

Panorama

Bundesweit waren die Temperaturen um mehr als vier Grad zu hoch / Ein Sturmtief nach dem anderen über dem Atlantik.

FREIBURG. Auch an diesem Wochenende ist der Kalender das einzige Anzeichen dafür, dass draußen noch Winter herrscht. Der zu Ende gehende Winter in Deutschland war der zweitwärmste seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1881. Das teilte der Deutsche Wetterdienst (DWD) am Freitag nach einer ersten Auswertung der Ergebnisse von rund 2000 Messstationen mit.

Seit Dezember ist es ungewöhnlich warm, der Januar fühlte sich an wie ein forscher Frühling – und auch der Februar will bis zuletzt wenig von Eiseskälte wissen. Dazu fliegen Pollen, blühen Osterglocken, zwitschern die Vögel wie im April. Bis in hohe Lagen ist es eher traurig grau statt glitzernd weiß. Nichts erinnert an den Winter, wie man ihn kannte. Er hat sich verändert. Er fehlt. Und auch die Fakten lassen keinen Zweifel: Dieser Winter 2019/2020 ist bislang ein Totalausfall. Kurz vor dem meteorologische Frühlingsbeginn am 1. März gibt der DWD nun bekannt: Dieser Winter wird als der bundesweit zweitwärmste abschneiden, nur 2006/07 verlief noch milder. Um 4,1 Grad ist es bislang bundesweit zu warm im Vergleich zur international gültigen Referenzperiode von 1961 bis 1990, so der DWD. Das ist selbst für einen milden Winter, wie er hin und wieder vorkommt, alles andere als normal.

Der Südwesten hat bundesweit am meisten Sonne abbekommen: Rund 265 Stunden lang schien sie in den vergangenen Monaten in Baden-Württemberg. Der Bundesdurchschnitt lag laut DWD bei 185 Stunden. Bei den frühlingshaften Temperaturen an der Spitze lag in diesem Winter Müllheim: Am 16. Februar zeigte das Thermometer in der Stadt im Markgräflerland 21,5 Grad.

Doch auch außerhalb Deutschlands muss man Schnee und Kälte suchen. Der Januar war in ganz Europa der wärmste seit Messbeginn – und zwar um satte drei Grad. In manchen Regionen betrug die Abweichung sogar mehr als sechs Grad. Ungewöhnlich hoch liegen die Temperaturen ausgerechnet in den Gebieten, die zu dieser Jahreszeit normalerweise tief verschneit sind. Von Norwegen über Russland bis nach Japan ist es rekordverdächtig warm, in Westrussland beträgt die Abweichung sogar 7,5 Grad seit Anfang Dezember. Und auch in Nordamerika merkte man von der kalten Jahreszeit dieses Jahr wenig. Der einzig verlässliche Kältepol in diesem Jahr ruht über Alaska.

Der Winter hat seinen Schrecken verloren, der letzte zu kalte Winter liegt hierzulande zehn Jahre zurück. Am Oberrhein lag letztmals vor drei Jahren eine messbare Schneedecke, regelmäßig zugefrorene Seen und Schneelandschaften kennen kleine Kinder nur aus den Erinnerungen ihrer Großeltern. Um 3,7 Grad zu warm ist es in Freiburg. Und statt knackigem Frost herrscht im Schwarzwald Winterfrust. Auf dem Feldberg fällt der Winter um 3,2 Grad zu warm aus, teilt Meteorologin Peggy Hofheinz vom Deutschen Wetterdienst in Stuttgart mit.

Die Frage lautet nun: Kommt der Winter ausgerechnet dann, wenn ihn keiner mehr mag? Wahrscheinlich nur vorübergehend. So erhielt der Hochschwarzwald Mitte dieser Woche zum ersten Mal im Februar eine dicke weiße Haube. Dazu wurde es stürmisch. Grund dafür war eine ausgewachsene Sturmserie. Ein Orkantief nach dem anderen tobt sich gerade auf dem Atlantik aus. Zum ersten Mal seit vielen Jahren hat sich eine markante Westwetterlage mit einem starken Höhenwind vor Europa etabliert.

Was der warme Winter in der Natur anrichtet, lässt sich nur abschätzen. Agrarmeteorologen befürchten keine negativen Auswirkungen, die große Gefahr für die Landwirtschaft sehen die Fachleute allerdings in knackigen Spätfrösten. Ein heftiger Kälterückfall verwandelte im April 2017 viele Triebe in Matsch. Damals hatte die Vegetationsperiode ebenfalls ungewöhnlich früh begonnen. Im Wald hingegen wäre ein trockener Verlauf des Jahres nun das schlechteste, was den gestressten Bäumen passieren könnte. "Sollten Frühjahr und Sommer ebenso zu trocken werden, dann hätte das ein nochmals stark erhöhtes Schadpotenzial im Wald zur Folge", sagt Markus Kautz, Experte für Waldumbau an der Staatlichen Forstanstalt in Freiburg. Die Folgen wären fatal: Entweder sterben die Bäume in diesem Fall direkt ab – oder wären noch anfälliger für Schädlinge wie den Borkenkäfer. Doch nach Trockenheit sieht es zunächst nicht aus, bis Anfang März wird einiges vom Himmel kommen, das meiste davon als Regen.