Eine App verändert die Liebe

Gregor Tholl

Von Gregor Tholl (dpa)

Fr, 09. September 2022

Panorama

Internet-Dating hat das Kennenlernen vieler Menschen verwandelt – vor zehn Jahren startete Tinder.

. Wer vor 20 Jahren behauptet hätte, eines Tages habe praktisch jede Person ein kleines Gerät in der Tasche, mit dem spontan Sexpartner in der Nähe aufgespürt werden können – wer hätte es geglaubt? Heute ist das für Millionen mit GPS-basierten Flirt-Apps Alltag. Wobei es bei Dating-Apps natürlich nicht nur um Sex geht. Und in den Augen mancher Experten ist Dating im Internet weit anspruchsvoller als oft gedacht.

Die App Tinder (deutsch: Zunder), die vor zehn Jahren startete, hat das sogenannte Swipen zum Massenphänomen gemacht. Nutzer sehen Profile mit Fotos und Informationen in ihrer Nähe: Gefällt ihnen jemand, wischen sie nach rechts, bei Nichtgefallen nach links. Wenn sich beide Personen gegenseitig gut finden, entsteht ein sogenanntes Match – und Chatten wird möglich. "Tinder ist die weltweit beliebteste App, um neue Leute kennenzulernen", lautet die Selbstbeschreibung der Software, die inzwischen zum Tech-Unternehmen Match Group (auch OkCupid, Hinge, Pairs, OurTime) mit Hauptsitz in Dallas (Texas) gehört. Nach eigenen Angaben ist Tinder in 190 Ländern und mehr als 40 Sprachen verfügbar. "Tinder wurde mehr als 530 Millionen Mal heruntergeladen und hat zu mehr als 75 Milliarden Matches geführt." Pro Woche führe die App zu 1,5 Millionen Dates.

Nach Angaben des Marktforschungsunternehmens Data.ai steht die Singlebörse auch 2022 an der Spitze der Download-Charts für Dating-Apps in Deutschland. Bei Verbraucherausgaben und der Zahl der aktiven Nutzerinnen und Nutzer belege Tinder den ersten Platz. Größte Tinder-Konkurrenz sei die App Bumble, die sich vor allem dadurch unterscheidet, dass dort nach einem Match nur Frauen ein Gespräch starten können. Darüber hinaus ist Lovoo recht stark. Dort gibt es die Icebreaker-Funktion, die es erlaubt, Leute trotz Links-Swipes knapp zu kontaktieren, um doch noch das Eis zu brechen.

Vor Tinder war das zwanglose Treffen via Geo-Daten-App eine Art Vorrecht der queeren Community. 2009 – kurz nach Einführung des iPhones – erfand Joel Simkhai, der als Kind aus Tel Aviv in die USA gekommen war, mit Grindr die erste Dating-App, die auf GPS-Daten basiert.

Die Schwulen-App Grindr – ein Kofferwort aus "Guy" und "Finder" (also Kerlefinder) und angelehnt ans Verb "grind" (reiben, schleifen) – sortierte mögliche Partner danach, wer gerade in der Nähe ist. Simkhai versuchte zwar 2011 mit Blendr, eine solche App auch für Heteros zu konzipieren, scheiterte aber. Erst ab 2012 mit Tinder und der Idee des Swipens wurde Online-Dating auch ein nicht-queeres und damit gesamtgesellschaftliches Massenphänomen.

"In Sachen ‚Offenheit‘ hat Tinder sicher einiges für Heteros getan", sagt die "Ladylike"-Podcasterin und Buchautorin ("Da kann ja jede kommen") Nicole von Wagner. Viele suchten unkomplizierte Sexdates, One-Night-Stands oder sogenannte Freundschaft Plus. "Tinder hat die sexuelle Revolution der ewigen Verfügbarkeit ausgelöst. Man muss nur auf dem Handy nach rechts wischen und sich zum Sex verabreden." Nahezu jede und jeder dort habe "mehrere Eisen im Feuer", wolle nur die vermeintlich Besten treffen.

Mit der riesigen Auswahl mache Tinder viele Leute oberflächlich, meint von Wagner. "Wir bewerten eine Person innerhalb von Sekunden nach einem Foto und wischen nach links, wenn uns die Nase nicht passt." Bei ihrem Podcast schrieben ihr Frauen oft, sie schämten sich, Dating per Internet zu betreiben und im realen Leben keinen Kerl an Land zu ziehen.

Der Soziologe Thorsten Peetz von der Universität Bamberg sieht Online-Dating differenzierter. "Das Klischee, es sei eine oberflächlichere Form des Kennenlernens und eine Ökonomisierung des Intimlebens, wird dem Phänomen nicht gerecht." Er betont, es sei eine durchaus reflektierte Form der Partnersuche. "Es gibt zwar eine Reihe von Studien, in denen Leute schildern, dass sie Tinder wie einen Katalog zum Durchblättern oder sogar wie eine Fleischtheke empfinden, an der man guckt und wählt, aber mit der Realität hat das meist wenig zu tun", sagt Peetz. Es handle sich vielmehr um ein Spiel, in dem alle versuchten, eine annehmbare Version des eigenen Selbst vorzuzeigen – wie im normalen Alltag auch.

Die Herausforderung rund um Identität und Interpretation seien durchaus anspruchsvoll, so Peetz. "Die Aufgabe, die sich stellt, ist, einzuschätzen, was für eine Art von Typ ist die Person auf der anderen Seite des Bildschirms eigentlich?" Kurz: Tinder und Co. sind höchstkomplex statt bloß schneller Sex.