Eine Liberale in der Kälte

Stefan Scholl

Von Stefan Scholl

Mi, 06. November 2019

Wirtschaft

Die russische Zentralbankchefin Elwira Nabiullina gilt als kluge Reformerin / Ihr Einfluss ist begrenzt.

MOSKAU. Elwira Nabiullina gilt als eine der klügsten Zentralbankchefinnen Europas. Vielleicht ist sie gerade deshalb über die Wirtschaftspolitik in ihrem Land nicht glücklich.

Elwira Nabiullina (55) redet eher leise. Aber wenn die kleine Frau die Augenbrauen hochzieht und den Kopf mit den kastanienroten Haaren leicht zur Seite neigt, wird sie auf ganz eigene Art eindringlich. Um das Investitionsklima in Russland zu verbessern, brauche es auch Schutz des Privatbesitzes, unabhängige Gerichte und mehr Bildung, sagte Nabiullina im Juli auf einem Finanzkongress in Sankt Petersburg: "Diese Worte wiederholen wir praktisch unverändert seit vielen Jahren."

Die Zeitschrift Euromoney erklärte sie 2015 zur Zentralbankchefin des Jahres, Forbes sah sie 2018 auf Platz 49 der mächtigsten Frauen der Welt. In vielen russischen Betrieben sind Frauen die heimlichen Leistungsträger. Aber so effektiv sie Russlands Finanzen auch verwaltet, Nabiullina scheint zu klug, um mit den Ergebnissen ihrer Arbeit wirklich glücklich zu sein. Nabiullina wuchs in Ufa auf, Vater Chauffeur, Mutter Fabrikarbeiterin, eine ruhige Schülerin mit großen Augen, Brille und Bestnoten. Sie studierte Wirtschaft an der Moskauer Staatsuniversität, begann 1990 als Reformexpertin im noch sowjetrussischen Industrieverband, wechselte als solche 1994 ins postsowjetische Wirtschaftsministerium.

1998 wurde sie Vizeministerin, 2007 Wirtschaftsministerin – die Karriere einer konfliktscheuen, aber hoch kompetenten Bürokratin. Sie selbst bezeichnete sich einmal als "Langweilerin". Das Ausland kennt die Ökonomin. Sie hat ein Kurzstudium an der US-Eliteuniversität Yale absolviert. Die rechte russische Presse verdächtigt sie deshalb bis heute als US-Agentin.

Präsident Wladimir Putin aber ernannte Nabiullina 2012 zu seiner Wirtschaftsberaterin, 2013 zur Zentralbankchefin. Ein Job, der schnell zum Krisenmanagement geriet. 2014 stürzte der Ölpreis ab, der Rubel purzelte hinterher. Nabiullina kaufte für 80 Milliarden Dollar die russische Währung, um sie zu stützen. Deshalb wurde sie in der Staatsduma als "teuerste Frau in der Geschichte Russlands" beschimpft. Aber Nabiullina zeigte Nervenstärke, hob den Leitzins sogar von 10,5 auf 17 Prozent, stellte außerdem alle Stützungskäufe ein. Und die vaterländische Währung, die schon die Marke von 100 Rubel pro Euro streifte, festigte sich bei gut 70 Rubel pro Euro. "Kein anderer hätte es auf dem Höhepunkt der Krise besser machen können", sagt der Moskauer Finanzexperte Dmitri Miroschnitschenko. "Und hinterher auch nicht."

Inzwischen hat Nabiullina den Leitzins wieder auf sieben Prozent gesenkt. Die Inflation liegt bei für russische Verhältnisse niedrigen 4,33 Prozent, Tendenz leicht fallend. Unsoliden Banken hat Nabiullina massenhaft die Lizenz entzogen, seit ihrem Amtsantritt 2013 bis Anfang 2019 sank die Zahl der russischen Geldinstitute von 894 auf 440. Sie habe das Regelwerk der Branche neu geschrieben, lobt Miroschnitschenko.

Die Wirtschaftszeitung Kommersant nannte Nabiullina einmal eine "Liberale in feindlicher Umgebung". Allerdings schrumpft in Russlands engstem Machtkreis Liberalismus ebenso zum Privathobby wie ihre Vorliebe für die unter Stalin verfolgten Lyriker Ossip Mandelstam oder Anna Achmatowa. "Über unabhängige Gerichte als Voraussetzung für mehr Investitionen haben schon viele Top-Bürokraten geredet, selbst Premier Dmitri Medwedew", erklärt der Petersburger Wirtschaftswissenschaftler Dmitri Trawin. "Aber keiner von ihnen kann liberale Politik machen, weil Präsident Putin die Richtung bestimmt."