Randale und Plünderungen in Stuttgart

"Eine nie da gewesene Dimension offener Gewalt"

Dominique Leibbrand und dpa

Von Dominique Leibbrand & dpa

So, 21. Juni 2020 um 19:52 Uhr

Stuttgart

Menschen, die mit Steinen Scheiben einwerfen, Polizisten angreifen sowie Handys und Schmuck stehlen – solche Szenen kennt man aus Stuttgart eigentlich nicht. Dass es in der Landeshauptstadt in der Nacht zum Sonntag trotzdem derartige Ausschreitungen gibt, irritiert und schockiert.

Anna Wittenbrink bricht in Tränen aus. Die 32-Jährige steht am Sonntagmorgen in den Trümmern ihres Ladens. Die Scheiben sind eingeschlagen, umgestürzte Glasvitrinen liegen übereinander, Ware aus der Auslage ist geklaut. "Erst Corona – und jetzt das", sagt sie, die sich auf Glaskunst und Schmuck spezialisiert hat. Den Schaden schätzt die junge Frau auf mehrere zehntausend Euro.

Vor ihrem Laden laufen wie in der ganzen Stuttgarter City Aufräumarbeiten. Das THW sägt Spanplatten zurecht, um eingeworfene Schaufenster zu sichern. Die Straßenmeisterei kehrt die Überreste einer Nacht im Ausnahmezustand zusammen. Hunderte Randalierer haben eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Auf Handyvideos, die im Netz kursieren, sieht man, wie junge Männer Schaufensterscheiben mit Pflastersteinen einwerfen, Auslagen plündern, Polizeiautos attackieren, Beamte angreifen. Ein Video zeigt, wie Männer über die Zerstörungsorgie lachen und Sätze rufen wie: "Fuck the Police".
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Am Tag danach zeigt sich die Stuttgarter Polizeispitze erschüttert. Von einer "nie da gewesenen Dimension offener Gewalt gegen Polizeibeamte und massiver Sachbeschädigung" spricht Polizeipräsident Franz Lutz bei einer eilig einberufenen Pressekonferenz im Rathaus. Polizeivizepräsident Thomas Berger sagt, die Situation sei eskaliert, nachdem Beamte einen 17-jährigen wegen eines Drogendelikts kontrollieren wollten.

In den Sommermonaten sammelt sich dort, an dem Platz vor der Oper, traditionell ein buntes Feiervolk. Sofort hätten sich 200 bis 300 aus der Partyszene mit dem Jugendlichen solidarisiert und die Beamten mit Flaschen und Steinen beworfen. Das Geschehen habe sich auf den nahen Schlossplatz verlagert, wo die Gruppe auf bis zu 500 Personen gewachsen sei. In Kleingruppen zogen die Randalierer weiter zur Königstraße, Stuttgarts Haupteinkaufsmeile. Zunächst gelingt es der Polizei nicht, den Mob zu stoppen. Erst gegen 4.30 Uhr, und nachdem Beamte aus dem Umland zu Hilfe kamen, ließ sich die Lage beruhigen.

Was trieb die Männer an?

Noch in der Nacht nimmt die Polizei 24 Männer fest. Sie sind jung, sieben sind unter 18, weitere sieben unter 21. Noch am Sonntag werden sieben dem Haftrichter vorgeführt. Was sie antrieb? "Eine linkspolitische oder überhaupt eine politische Motivation können wir zum jetzigen Zeitpunkt ausschließen", sagt Lutz. Auch eine Verbindung zu Ausschreitungen am Rande von Anti-Rassismus-Demonstrationen in den USA will die Polizei nicht ziehen. Stuttgarts OB Fritz Kuhn sagte aber, er halte es für möglich, dass sich der eine oder andere durch die Bilder von Straßenschlachten in Amerika ermutigt gefühlt haben könnte. Mit der Stuttgarter Polizei habe die Situation in den USA aber rein gar nichts zu tun.

Es war eine Eskalation mit Ansage

Die Ursprünge des Gewaltexzesses sehen die Verantwortlichen in jener Partyszene, bestehend aus jungen Leuten aus der Stadt und dem Umland, die sich in Sommernächten in der City versammelt und betrinkt. Seit vier Wochen, seit die Corona-Beschränkungen gelockert seien, treffe sich das Feiervolk wieder im Freien, sagt Lutz. Weil viele Clubs und Shisha-Bars noch zu sind, seien es noch mehr Menschen als in Vor-Pandemie-Zeiten. Neu sei, so Lutz, dass sich Feierende mit einem aggressiven Handeln gegen Polizisten im Internet inszenierten. Schon vor vier Wochen hatte es nach einer Polizeikontrolle Ärger gegeben. In der Folge habe man die eingesetzten Kräfte bereits verdoppelt.

Die Polizei habe die Eskalation der Gewalt kommen sehen; mit einem solchen Ausmaß habe sie jedoch nicht gerechnet, räumt Lutz ein. "Wir wissen jetzt, dass unsere Lagebewertung falsch war", ergänzt Vize Berger. Lutz kündigt ein Sicherheitskonzept an, das "deutlich mehr Kräfte" vorsehe. "Wir werden alles dafür tun, dass sich das nicht wiederholt."

Nach Ausschreitungen in Stuttgart: Pressekonferenz der Polizei

Die Deutsche Polizeigewerkschaft in Baden-Württemberg sowie Stimmen aus CDU und AfD kritisierten SPD-Bundeschefin Saskia Esken für ihre jüngsten Äußerungen über einen "latenten Rassismus" bei der Polizei. "Die zunehmende Gewalt gegen unsere Polizeibeamten ist auch eine Folge der ständigen Anfeindungen der politischen Linken", sagte CDU-Südwest-Generalsekretär Manuel Hagel. Esken kritisierte am Sonntag die "sinnlosen, blindwütigen Randale". Gewalttäter müssten hart bestraft werden. Im Internet zielten zahlreiche Wortmeldungen auf die Herkunft der Tatverdächtigen ab. 12 der 24 Festgenommenen haben einen deutschen Pass, die anderen nicht. OB Kuhn sagte: Jetzt zu sagen, "die Ausländer sind schuld", sei falsch.