Wehr

Eine perfekte Nacht zum Dreyland-Bluesfestival auf dem Talschulplatz

Roswitha Frey

Von Roswitha Frey

So, 25. August 2019 um 17:36 Uhr

Wehr

Beim Dreyland-Bluesfestival haben in Wehr hochkarätige Vertreter dieser musikalischen Stilrichtung für ausgelassene Stimmung gesorgt.

Zwei amerikanische Blues-Stars, der eine 79, der andere weit über 80, zeigten den Fans auf dem Wehrer Talschulplatz, was waschechter Chicago-Blues ist. Zu vorgerückter Stunde mischten sich der Bluessänger Willie Buck und Überraschungsgast Tail Dragger sogar unters tanzende und mitklatschende Publikum und faszinierten mit unermüdlicher Energie, Ausstrahlung und kernigen Stimmen. Echte Blueslegenden waren beim dritten Dreyland-Bluesfestival zu erleben, das am Samstagabend in Wehr Station machte. Sehr zur Freude von Bürgermeister Michael Thater als passioniertem Bluesfan, der im Namen der Stadt begrüßte, und zum Stolz des Vereins Jazz und Blues Südbaden "Exbluesive", der es geschafft hat, international bekannte Bluesgrößen für dieses Doppelkonzert extra aus den USA einfliegen zu lassen. Bei dieser Bluesnacht stimmte alles: Wetter, Publikumskulisse und Stimmung. Rund 250 Jazzfreunde füllten die Bänke auf dem Talschulplatz, schätzte Klaus Fleck vom Organisationsteam.

Bluesreise mit emotionaler Musik

"Aus dem Delta nach Chicago" hieß das Motto der Bluesreise, die nachvollziehbar machte, wie in den 1930er- und 1950er-Jahren die Leute aus dem Süden der USA in die Städte des Nordens wie Chicago abwanderten, um dort Arbeit zu finden, und ihre afrikanisch verwurzelte, emotionale Musik mitnahmen. Den Abend eröffnete der deutsche Gitarrist, Sänger und Liedermacher Ignaz Netzer, der für den traditionellen Mississippi-Blues steht. Zur Seite hatte er den Mundharmonikavirtuosen Klaus "Mojo" Kilian, der wie er den klassischen Deltablues absolut intus hat. Die beiden demonstrierten in bester Spiellaune, was sich aus Akustikgitarre und Bluesharp an echtem Bluesgefühl herausholen lässt. Mit gefühlvoller, warmer Stimme sang Netzer etwas Ruhiges, das Liebeslied "Corinna". Ebenso überzeugend rüber kam ihre eigene Version von "Stagolee" über eine Sagengestalt, die sich gegen die Obrigkeit auflehnte, was für die Schwarzen in New Orleans sehr bedeutsam war. Auch den Gospel "You got to move", der laut Netzer "älter ist als Keith Richards ausschaut", frischte das Duo auf. Zum interaktiven Teil gehörte der Gospel "Jesus On the Mainline", bei dem Netzer die Fans zum Mitsingen und "rhythmischen Leibesübungen" animierte.

Musik für den Zehnkilo-Kater

An einem schönen Sommerabend durfte das berührende "Summertime" aus der Oper "Porgy and Bess" von George Gershwin nicht fehlen, das Netzer eindringlich in Gesang und Klang arrangiert hat. Die beiden Musiker wechselten für den schnellen, rhythmisch unglaublich fetzigen "Mojo Boogie" auch mal die Rollen: Da griff Klaus Kilian zur Gitarre und sang, während Netzer Mundharmonika spielte. Netzer und sein kongenialer Partner fühlten sich auch intensiv in ein Stück der legendären Bluessängerin Bessie Smith ein: Den "Back Water Blues", der von einer Hochwasserkatastrophe handelt. Dass Blues nicht nur Wehmut und Schmerz ausdrücken, sondern auch fantastisch gute Laune machen kann, hörte man in Netzers witzigem "Rockin’ my Blues away", das er seinem musikliebenden Zehn-Kilo-Kater gewidmet hat. Dann hieß es Bühne frei für Blues-Urgestein Willie Buck und die niederländische Muddy Waters Tribute Band um den Gitarristen und Sänger Robbert Fossen, von der es heißt, sie sei die einzige europäische Band, die Chicago-Blues spielen kann. Tatsächlich ließ es die exzellent aufgestellte Band mit Gitarren, Schlagzeug und Piano ordentlich krachen und demonstrierte in "Mannish Boy", Hoochie Coochie Man" oder "Trouble no more", wie der Jazz härter, rockiger, lauter und druckvoller im E-Gitarrensound geworden ist.

Willie Buck als Teil der Bluesgeschichte

Winkend kam Willie Buck auf die Bühne, blaues Hemd, blaue Hose. Ruhig wie ein Fels in der Gitarrenbrandung stand der Sänger auf der Bühne, mit sparsamen Gesten, und bündelte alle Kraft in der Stimme. Der in den Südstaaten geborene und seit den 50er-Jahren in Chicago lebende Willie Buck verkörpert ein Stück Bluesgeschichte. Wenn er "Sail on", "I am a King Bee" oder "Baby what you want me to do" singt, klingt das authentisch und ungebrochen in der Ausdruckskraft. Der große alte Mann des Chicago-Blues weiß das Publikum auch mit "Kansas City" und "Baby please don‘t go" zu fesseln, unterstützt vom vorwärtstreibenden Gitarrensound, schnellen Pianoläufen und perkussivem Drive der Bandmusiker. Als spezieller Gast kommt zu später Stunde ein weiterer Grand Old Man des Chicago-Blues auf die Bühne: Tail Dragger, ein charismatischer Blues-Gentleman mit Anzug, Hut und kraftvoller Stimmpower, der sich für einige Songs mitten unter die begeisterten Zuhörer begab. Das tat auch Willie Buck, so dass am Ende der halbe Platz ausgelassen tanzte.