Oper

Eine wahrhaft phantastische Oper: "Hoffmanns Erzählungen" am Badischen Staatstheater Karlsruhe

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Di, 11. Juni 2019 um 19:16 Uhr

Theater

Einen solchen Opernabend sollte man sich nicht entgehen lassen: Floris Visser inszeniert, Constantin Trinks dirigiert Jacques Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen" in Karlsruhe.

Dieser Dichter wäre ein Fall für den Psychoanalytiker gewesen. Im steten Zwiespalt von Innen- und Außenwelt, Ich und Über-Ich, Kunst und Liebe erzählt sich Hoffmann durch eine fünfaktige Oper, die wiederum wie ein Spiegel seiner Phantasmagorien wirkt: Denn im Grunde gibt es sie gar nicht, diese "Contes d’Hoffmann". Weil sie ihr Komponist Jacques Offenbach im Wettlauf mit dem Tod bis 1881 nicht vollenden konnte. Von der aber in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder weitere Fundstücke – Partiturskizzen et cetera – aufgetaucht sind. Eine phantastische Geschichte wie von ihrem Urheber selbst – Ernst Theodor Amadeus Hoffmann.

Der holländische Regisseur Floris Visser könnte der Psychoanalytiker der Bühnenfigur Hoffmann sein. Statt auf der Couch liegt und steht sie bei ihm in einem Pariser Bistro, das Gideon Davey kongenial auf die Drehbühne des Badischen Staatstheaters gleich drei Mal gestellt hat. Nicht ganz historisch, der französische Jugendstil entwickelte sich erst nach 1881. Doch Visser geht es nicht um historisches Erzählen, sondern, ganz im Sinne von Jules Barbiers Libretto, um phantastisches. Und um Kontinuität. Alle Frauen – Stella, Olympia, Antonia und Giulietta – sind Varianten der einen; und alle sind sie Rivalinnen der Muse, die Hoffmann begleitet und die ihn für sich gewinnen will. Geschickt arbeitet Visser mit historischen Brechungen, indem er das Zeitalter der Belle Epoque mit dem der 1950er und 1960er Jahre korrespondieren lässt. Ja: die Studentenrevolte schwingt auch in Barbiers Libretto mit – die Vergötterung der Primadonnen (Kostüme: Dieuweke van Reij) ist ein Merkmal der ersten Nachkriegsjahrzehnte.

Doch während man all das beschreibt, was in dieser – im besten Sinne phantastischen – Inszenierung vor sich geht, merkt man bereits: Es klingt so viel abstrakter, als es auf der Bühne wirkt. Denn da gelingt es geradezu spielerisch und rundum logisch, das Heterogene, Unzusammenhängende an diesem Stück ineinanderfließen zu lassen. Und den Geist Offenbachs, dieses genialen Satirikers, nicht mit Romantizismen zuzuschütten.

Die enge Verwandtschaft von Komik und Tragikomik

Auch in "Hoffmanns Erzählungen" gibt es viele Brechungen, viel Witz und Bosheit – selbst der lyrische Antonia-Akt ist kein bloß sentimentales Theater. Visser, ein Meister in der Personenführung (auch bei den vielen Massenszenen), lässt all dem freien Lauf und zeigt so die enge Verwandtschaft von Komik und Tragikomik. Was lässt das nicht alles an Assoziationen zu: Spalanzani – der Puppenmacher und irre Wissenschaftler – ist bei Visser ein Bruder im Geiste des Zynikers Professor Higgins in "My Fair Lady"; der "Mephisto" Doktor Mirakel entfaltet seine diabolische Kunst wie der Zauberer Houdini; und die Muse schlüpft am Ende aus ihren Studentenkleidern und wird zur Frau. Freilich, die Muse ist weiblich – welch ein Glück für alle männlichen Künstler.

Musikalisch gedacht ist das Ganze ohnedies. Visser kennt die aktuelle Fassung von Michael Kaye und Jean-Christophe Keck genau, er inszeniert mit der Musik. Ideale Voraussetzungen für Constantin Trinks‘ erste Karlsruher Produktion. Und wie sie der Senkrechtstarter der Kapellmeisterszene nützt. Trinks differenziert in der Tempofrage sehr und räumt mit der Fehleinschätzung auf, Offenbachs Musik lebe aus dem Geist der Raserei. Nein, die Chöre im ersten Akt (über die Seitenbühnen verteilt) macht er sehr durchsichtig; das Menuett im Olympia-Akt nimmt er geradezu in Zeitlupe – mechanisch, um die Künstlichkeit des Szenarios zu betonen. Geradezu gönnerhaft lassen er und die, von wenigen Patzern abgesehen, sehr konzentriert spielende Badische Staatskapelle den Sängern freien Raum. Und den brauchen sie in dieser großartigen Gesangsoper mit ihren stilistisch oft divergierenden Anforderungen.

Beispiel Hoffmann: Dieser Tenor durchlebt und durchsingt die fünf Akte – und er muss großes lyrisches Potenzial besitzen, gepaart mit den durchschlagenden Eigenschaften eines Spintotenors. Rodrigo Porras Garulo vereint sie in bemerkenswertem Ausmaß. Der gebürtige Mexikaner gefällt mit seinem warmen, gerade in der Grenzlage zwischen Brust und Kopfstimme (voix mixte) virtuos durchschlagenden, sehr wandlungsfähigen Tenor. Sophia Theodorides singt (und spielt!) die Olympia-Koloraturen mit nicht zu übertreffender Artistik – nicht nur eine technische Meisterleistung! Agnieszka Tomaszewska gefällt mit ihrer lyrisch-dramatischen Antonia großartig; Barbara Dobrzanska arbeitet gerade das Halbseidene, die Erotik der Giulietta-Partie vorbildlich heraus. Und Jennifer Feinsteins glockenreiner Sopran unterstreicht, dass es gut ist, dass die Figur der Stella, im Gegensatz zu früheren Fassungen, eine Gesangspartie ist. Lediglich Dilara Bastar startet in ihre Muse-Partie eher durchwachsen; das anfängliche Wabern und unnötige Fokussieren ihres wunderbar erdigen Mezzosoprans verliert sich indes. Bewegend schön gelingt ihr, zusammen mit dem in Stereowirkung aufgestellten Chor (Ulrich Fischer) die finale Szene als klassische Schlussapotheose.

Der Beifall für diese Referenz-Aufführung braust wie ein Sturm durchs Theater: Ein phantastisches Geburtstagsgeschenk für das bald 200-jährige Pariser Genie aus Köln!

Termine und Tickets unter http://www.staatstheater.karlsruhe.de