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Philosophie

"… einem solchen Gebrechen ist gar nicht abzuhelfen": Kant-Sätze und ihre Bedeutung

  • Mo, 22. April 2024, 09:02 Uhr
    Literatur & Vorträge

     

Mein liebstes Kant-Zitat: Die Kulturredaktion hat Kantexperten aus der Region um einen Satz des großen Aufklärers gebeten, der ihnen besonders viel bedeutet.

Ein handschriftlicher Auszug aus Kants Werk  „Zum ewigen Frieden“  | Foto: Christophe Gateau (dpa)
Ein handschriftlicher Auszug aus Kants Werk „Zum ewigen Frieden“ Foto: Christophe Gateau (dpa)
Von Andreas Urs Sommer, Philosoph, Universität Freiburg:

Es gebe, behauptet Kant in seinem Aufklärungsaufsatz 1784, "nur Wenige, denen es gelungen ist, durch eigene Bearbeitung ihres Geistes sich aus der Unmündigkeit heraus zu wickeln und dennoch einen sicheren Gang zu thun. Daß aber ein Publicum sich selbst aufkläre, ist eher möglich; ja es ist, wenn man ihm nur Freiheit läßt, beinahe unausbleiblich." Um sich über sich selbst und die Welt klar zu werden, braucht man die andern. Selberdenken ist nur möglich, wenn man mit den Mitmenschen denkt, wenn man sich zu ihrem Denken ins Verhältnis setzt. Vernunft ist eine gemeinschaftliche, eine kommunikative Angelegenheit – nichts, was die eine hat, der andere aber nicht. An der Vernunft müssen wir gemeinsam arbeiten.

Vielleicht teilen wir den Optimismus nicht, den Kant fünf Jahre vor der Französischen Revolution im zweiten Satz versprühte: Geht die Öffentlichkeit tatsächlich unbeirrbar den Weg der Selbstaufklärung? Man kann daran zweifeln, verzweifeln. Aber das Hoffen und Handeln sind uns trotzdem unbenommen.

Von Frieder Vogelmann, Wissenschaftstheorie, University College Freiburg:
"Also demütigt das moralische Gesetz unvermeidlich jeden Menschen, indem dieser mit demselben den sinnlichen Hang seiner Natur vergleicht. Dasjenige, dessen Vorstellung, als Bestimmungsgrund unseres Willens, uns in unserem Selbstbewusstsein demütigt, erweckt, so fern als es positiv und Bestimmungsgrund ist, für sich Achtung." (Grundlegung zur Metaphysik der Sitten)

Es gibt an Kant viel zu bewundern und viel zu kritisieren, doch stets imponiert mir seine ungeheure Ehrlichkeit. So wie in diesem Zitat, in dem Kant stringent darlegt, dass das moralische Gefühl der Achtung aus Demütigung hervorgeht. Gnadenlos realistisch beschreibt er die Folgen: "Die Achtung ist so wenig ein Gefühl der Lust, daß man sich ihr in Ansehung eines Menschen nur ungern überläßt. Man sucht etwas ausfindig zu machen, was uns die Last derselben erleichtern könne, irgend einen Tadel, um uns wegen der Demütigung, die uns durch ein solches Beispiel widerfährt, schadlos zu halten."

Von Christian Dries, Leiter der Günther-Anders-Forschungsstelle, Universität Freiburg:
Was bei der Kant-Lektüre immer wieder auffällt: Der Mann hatte Humor! Eine der lustigsten und zugleich abgründigsten Sentenzen – das Lustige ist oft ein Hinweis auf ein ernstes philosophisches Problem – steht in der Kritik der reinen Vernunft. Dort liest man über die Urteilskraft, jenes Vermögen, das aus Menschen kluge Köpfe macht: "Der Mangel an Urteilskraft ist eigentlich das, was man Dummheit nennt, und einem solchen Gebrechen ist gar nicht abzuhelfen."

Die Urteilskraft sei "eine schwierige Sache", schrieb Martin Heidegger einst an Hannah Arendt. Doch schon Kant hatte mit ihr seine Not. Denn wenn man sie ermangelt, wieso sich überhaupt darin üben? Umgekehrt können auch hochgebildete Menschen unheilbar dumm sein. Woher also kommt die Urteilskraft, was macht sie aus? Kann man sie erwerben und trainieren, wieder verlieren? Wie immer man diese "schwierigen Sache" angeht – an Kant kommt man dabei jedenfalls nicht mehr vorbei.

Von Magnus Striet, Theologe, Universität Freiburg
Kant konnte ein begnadeter Polemiker sein. Faulheit und Feigheit seien die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen dennoch gerne zeitlebens unmündig blieben. Wenn man bedenkt, dass er dies in einer Zeit schrieb, als die bürgerliche Freiheit noch sehr gegängelt wurde, war dies scharfer Tobak. Der preußischen Regierung blieben diese Töne nicht verborgen, und die Kirchenfürsten der damaligen Zeit verstanden sehr genau, dass Kant auch in Religionsangelegenheiten dazu aufforderte, selbst zu denken. Was der Vernunft widerstreitet, kann nicht geglaubt werden. Sollte dies jedenfalls nicht. Eine Religion, die der Vernunft unbedenklich den Krieg ankündige, so Kant, werde es auf die Dauer nicht gegen sie aushalten.

Das war optimistisch formuliert. Ich wünsche Kant, dass er damit Recht behält. Es gibt Indizien dagegen. Antiliberale religiöse Fundamentalisten sind unübersehbar. Doch es gibt auch die, die gerne liberal leben – ihren Hoffnungsglauben an Gott leben, wenn nicht nur der Zweifel immer wieder kehrte.

Von Gunnar Hindrichs, Philosoph, Universität Basel
Mein Lieblings-Satz erklärt Kants Urkommunismus: «Wenn auch gleich ein Boden als frei, d. i. zu jedermanns Gebrauch offen, angesehen oder dafür erklärt würde, so kann man doch nicht sagen, daß er es von Natur und ursprünglich, vor allem rechtlichen Act, frei sei, denn auch das wäre ein Verhältniß zu Sachen, nämlich dem Boden, der jedermann seinen Besitz verweigerte; sondern weil diese Freiheit des Bodens ein Verbot für jedermann sein würde sich desselben zu bedienen; wozu ein gemeinsamer Besitz desselben erfordert wird, der ohne Vertrag nicht statt finden kann. Ein Boden aber, der nur durch diesen frei sein kann, muß wirklich im Besitze aller derer (zusammen Verbundenen) sein, die sich wechselseitig den Gebrauch desselben untersagen oder ihn suspendiren. Diese ursprüngliche Gemeinschaft des Bodens und hiemit auch der Sachen auf demselben (communio fundi originaria) ist eine Idee, welche objective (rechtlich praktische) Realität hat.» (Rechtslehre § 6)

Ressort: Literatur & Vorträge

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