Einer ging rüber

Antje Hildebrandt

Von Antje Hildebrandt

Mi, 22. Juli 2009

Deutschland

Um das DDR-Regime dazu zu bewegen, seine Verlobte in den Westen ausreisen zu lassen, sprang Udo Cürsgen vor 33 Jahren über die Mauer in den Osten

Als er oben angekommen war und auf der Mauer saß, 3,60 Meter über der Erde, überfiel ihn plötzlich die Angst. Er spürte die Blicke der Reporter im Springer-Hochhaus im Rücken, er sah aus der Ferne zwei DDR-Grenzsoldaten mit ihren Maschinengewehren im Anschlag. Er wollte springen. Doch eine innere Stimme hielt ihn zurück. Es war ihm zu hoch.

Hier also ist es passiert. An der Ecke Zimmerstraße/Axel-Springer-Straße in Berlin-Kreuzberg. Dies ist die Kulisse eines Stückes, wie es das Leben vielleicht nur in einem Land schreiben kann, das ein Irrwitz der Geschichte geteilt hat. Dieses Stück erzählt von einer Liebe in Zeiten des Kalten Kriegs. Davon, wie es ihr gelang, die sonst so allmächtige Staatssicherheit auszutricksen und die Mauer zu überwinden. Und es wird auch um einen Neuanfang gehen, dem das Ende schon innewohnte.

Udo Cürsgen braucht einen Moment, um sich zu orientieren. Hier, an diesem Ort, der vor 33 Jahren Niemandsland war. Das Springer-Hochhaus, direkt an der Mauer errichtet, überragte die urbane Wüste wie ein Leuchtturm. Jetzt ist die Mauer verschwunden. Bürogebäude sind wie Unkraut aus dem ehemaligen Todesstreifen geschossen. Nur eine doppelte Pflastersteinreihe am Straßenrand erinnert an die Narbe der Teilung inmitten der Stadt.

"Wenigstens einige Teilstücke hätten sie stehenlassen können", brummt Udo Cürsgen, während er sich aus dem Auto faltet, ein kahlköpfiger Schlaks von 1,90 Meter. Ein schwarzer Cowboyhut thront auf dem Schädel. Er soll ihm wohl einen verwegenen Touch verleihen. Mit 58 Jahren gefällt er sich noch immer in der Rolle, die ihm die Boulevardpresse 1976 angedichtet hatte. Es war, nachdem er sich oben auf der Mauer um 180 Grad gedreht hatte, um sich mit dem Gesicht zum Beton vorsichtig nach unten zu ...

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