Einladung zur Demut

Ulrich Steinmetzger

Von Ulrich Steinmetzger

Sa, 03. April 2021

Rock & Pop

Mild und altersweise, schön und immer schöner: Der Tenorsaxofonist Pharoah Sanders mit dem London Symphony Orchestra.

Das Sensationelle an dieser unverhofften CD ist wohl, dass einfach alles zusammenpasst, obwohl aus denkbar unterschiedlichen Quellen geschöpft wird. Der britische Soundtüftler, Produzent und DJ Sam Shepherd alias Floating Points baut als besessener Musikhörer seine in die Beine gehenden Programme mit der Kenntnis auch solcher Strömungen wie Rhythm & Blues, Klassik und Avantgardejazz. Dazu bedient er nicht nur ein reichhaltiges digitales Equipment, sondern auch diverse Tasteninstrumente. Seine beiden Alben "Elaenia" (2015) und "Crush" (2019) ernteten höchstes Lob, auch weil sie in der lauten Techno-House-Maschinenmusik den humanen Faktor nicht vergaßen.

Nun hat er diesen humanen Faktor in einem über fünf Jahre gewachsenen Unternehmen so sehr in den Mittelpunkt gestellt, dass man vor den alle Horizonte erweiternden Ergebnissen nur in die Knie gehen kann. Entstanden ist ein Album, dessen verblüffende Schönheit eine Einladung zur Demut ist, zu einer Besinnung, die vielleicht nie so gefragt war wie in dieser Zeit. Zu solchem Ende hat er einen der letzten noch lebenden Titanen aus dem afroamerikanischen Jazzaufbruch der sechziger Jahre eingeladen, den achtzigjährigen Tenorsaxofonisten Pharoah Sanders. Mehr noch: Er hat ihm mit den Streichern des London Symphony Orchestra und seinen Keyboards und Electronics eine dezent grundierende Basis und Startrampe erspielt, über der Sanders in einem einzigen in neun Movements gegliedertem Stück ein großes und in seiner Beseeltheit fesselndes Solo nicht spielt, sondern zelebriert.

Dies ist umso überraschender, als es anderthalb Jahrzehnte her ist, dass der Amerikaner zuletzt ein Album unter seinem Namen veröffentlichte. Sanders gilt in der Jazzgeschichte als der Mann des markanten Cry, als Synonym für Wucht und Energie, der in der letzten Schaffensphase John Coltranes wie ein Ziehsohn an der Seite des Jazz-Hohepriesters des Neuen stand. Ihr Wechselspiel steigerten die beiden Tenorsaxofonisten zu einer spirituellen Intensität, die bis heute ohne Vergleich ist. Nach dem Tod seines Mentors im Jahr 1967 blieb Sanders ein Suchender, der Alben veröffentlichte, aus denen sein Spiel mit der Macht eines Vulkans ragte. Eingängige Druckwellen waren das, eingebettet oft in polyrhythmische Perkussionsmuster, vor denen er bei allem Powerplay nie die melodische Finesse vergessen hat.

Viel ist über die Erweiterung der Spieltechniken durch Pharoah Sanders geschrieben worden, seinen neuen Ansatz, seine Zirkularatmung, sein Singen ins Instrument, seine Tricks des Überblasens, seine Cluster der Töne, die Intensität seines Ausdrucks. Dringlichkeit, unbedingte Wiedererkennbarkeit, sinnliche Tiefe und Eingängigkeit vieler seiner Kompositionen haben ihm auch innerhalb nächster Generationen nicht nur im Jazz zu bleibender Präsenz verholfen. Wie mit Händen zu greifen, ist in Sanders’ Saxofonklang etwas tief Elementares, das er dann auch in den Bands der Witwe Alice Coltrane fortsetzte. Die spielte neben Klavier auch Harfe.

Oft klingen die neuen Aufnahmen, als würde dieses Instrument durch die Leinwand schimmern, vor der Pharoah Sanders dann wie überirdisch seine Kreise zieht. Nach anderthalb Minuten setzt er ein, und sofort ist da dieses Besondere. Mild und altersweise, schön und immer schöner hebt dieser Ton an ohne zu eifern. Rau, wiedererkennbar und von unvergleichbarer Emotionalität hat er etwas zu sagen, das über die volle Länge von 46 Minuten trägt. Es ist, als würde er seine Seele auf dem Tablett servieren, als würde er neben jedem Betrieb Essenzen freilegen und in eine mantraähnliche Erzählung kanalisieren. Pharoah Sanders gibt kaum Interviews, war in den letzten Jahren nur noch sporadisch präsent. Dass er dennoch immer weiter an seinem einzigartigen Sound gefeilt hat, belegt diese ergreifende Einspielung, indem sie Lager, Epochen, Genres und Haltungen versöhnt, zu etwas Größerem zusammenführt und damit über den Tag weist.

Floating Points, Pharoah Sanders & The London Symphony Orchestra: Promises. Luaka Bop/K7!