Eintauchen in die Literatur

Markus Zimmermann

Von Markus Zimmermann

Fr, 10. Januar 2020

Gundelfingen

Alfonso Lipardi macht Kunstwerke aus Büchern und zeigt diese im Gundelfinger Rathaus unter dem Titel Diversità.

GUNDELFINGEN. Mit hoher Konzentration errichtet Alfonso Lipardi am Mittwoch beim Haupteingang des Gundelfinger Rathauses eine mannshohe Bücherwand. Durchbrochen werden soll die aufgetürmte Literaturmauer im Rahmen der Vernissage, doch es kommt, wie so oft, ganz anders. Ein "Büchernarr" kann, noch bevor es losgeht, seine Neugier nicht bremsen, greift sich ein Buch der obersten Etage und bringt das fragile Werk zum Einsturz – noch vor der Eröffnung der Ausstellung mit dem Titel Diversità.

Alfonso Lipardi nimmt es gelassen. Der handgreifliche Gast der Eröffnung der ersten Ausstellung 2020 des Gundelfinger Kunstvereins hat letztlich nur vorweggenommen, was ohnehin hätte passieren sollen. Zum Abschluss der Vernissage stützt sich der 62-Jährige selbst auf die verbliebenen Reste der Bücherwand, badet in Literatur und lädt die Besucher ein, aus dem Meer der auf Papier festgehaltenen Gedanken, Empfindungen, Beobachtungen und Fantasien zu schöpfen. Das Finale wird zur Performance, an der sich alle beteiligen können. Beherzt greifen viele zu, vertiefen sich in gefundene Schätze, lesen leise vor sich hin oder sich gegenseitig vor. Buchstaben werden lebendig, das Foyer des Rathauses wird zum babylonisch anmutenden Klangraum und die abgelegten, antiquarischen Werke bekommen plötzlich neue Lebendigkeit. Im Wechselspiel entsteht völlig Neues, Einzigartiges, für diesen Moment Einmaliges. "Wir haben uns im Wechsel einzelne Sätze aus spontan aufgeschlagenen Seiten vorgelesen", erzählt ein begeisterter Besucher dem Künstler und berichtet über überraschende Entdeckungen.

Entdeckungen, das könnte auch eine Überschrift des Schaffens des in Neapel geborenen Künstlers sein. Mit seinen Werken will er die Mitmenschen entdecken lassen, was er selbst aufnimmt, wahrnimmt und dann in seinen Werken verarbeitet. Dass er seiner Ausstellung den Titel "Diversità" verleiht, erklärt sich aus der Vielfalt, der Verschiedenheit, die er in der Welt und längst nicht nur zwischen Buchdeckeln entdeckt. Eine besondere Offenheit für das Erkennen der Vielfalt, auch das spürbare Anerkennen des Unterschiedlichen, erklärt er sich auch aus seiner Lebensgeschichte: "Die wirtschaftliche Situation hat meine Eltern veranlasst, ihre Heimat zu verlassen, was kulturelle, familiäre Strukturen und Verhältnisse verändert hat", sagt er und sieht offenbart dadurch Parallelen zwischen seiner Geschichte und der aktuellen Migration.

"Was ich wahrnehme, entdecke, das will ich weitergeben", erklärt Lipardi. Tunlichst vermeiden will er dabei den moralischen Zeigefinger, auch wenn sich "wie ein roter Faden" das Thema Nachhaltigkeit durch sein Schaffen zieht. Aufgewachsen in der Documenta-Stadt Kassel, erinnert er sich daran, dass ihn dort schon früh Zurückgelassenes, Weggeworfenes inspirierte, Kunst zu schaffen. Auch er sammelt und verwendet Abgekratztes, Abgelegtes, um dem vermeintlich Wertlosen eine neue Wertigkeit zu geben. Da wird ein altes Buch zur Schatzkiste, werden kleine, hölzerne Umverpackungen zum Podest, wird die ausgelutschte Apfelsine – mit Bienenwachs modelliert – zum Objekt.

Großformatig und filigran, plakativ und skulptural: Vielfalt entdeckt Lipardi nicht nur, seine Arbeiten spiegeln sie auch wider. Verspielt und berührend sollen sie sein, letztlich sind seine Arbeiten, ist seine Ausstellung, die er im Foyer wie in Museumsräumen präsentiert, die Einladung zu einer großen Entdeckungsreise. Ein bisschen Reiseleitung waren er und die Kunstvereinsvorsitzende Ulrike Bach bei der Vernissage am Mittwoch, zu der Roland Zipfel mit dem Hang die Begleitmusik beisteuerte.

Ausstellung Diversità: Die Arbeiten von Alfonso Lipardi im Foyer des Gundelfinger Rathauses können noch bis 5. Februar zu den normalen Öffnungszeiten besichtigt werden.