Tod und Leben

Einzigartiges wird derzeit nachhaltig geschädigt

Gert Strobl

Von Gert Strobl (Freiburg)

Do, 07. Mai 2020

Leserbriefe

Zu: "Der Tod zwingt uns in das Leben", Beitrag von Julius Müller-Meiningen (Kultur, 9. April)
Menschen sterben am endgültigen Versagen zentraler körperlicher Funktionen, auf natürliche Weise durch ein Herunterfahren der Dynamik des Herzens, oder aber als Folge von Erkrankungen, manche endogener Natur, andere ausgelöst durch fremde Organismen wie Bakterien und Viren. Mit dem neuen Coronavirus ist jetzt ein zusätzlicher Gefährdungsfaktor hinzugetreten, und es stellt sich die Frage nach seiner relativen Bedeutung im gesamten Spektrum. Denn die Anzahl der Deutschen, die jährlich sterben, liegt – bei einer mittleren Lebensdauer von 80 Jahren – bei 1,25 Prozent.

Die Sterbequote der vom neuen Coronavirus infizierten Menschen konnte noch nicht genau festgelegt werden, liegt aber sicher im Bereich von einem Prozent, somit etwas oberhalb der Sterbequote des Influenzavirus, aber weit unter der des fast immer tödlich wirkenden Ebolavirus. Hätte die Infektionswelle alle Deutschen erfasst, hätte sich die Sterbezahl in diesem Jahr in etwa verdoppelt, und es ist verständlich, dass dies von der Regierung als unannehmbar angesehen und durch die auferlegten Eindämmungsmaßnahmen verhindert wurde.

Wie geht es nun weiter? Das Virus bleibt in der Welt und wird als eine zusätzliche Ursache des Sterbens bei uns bis zu einer weitgehenden Immunisierung aller Deutschen präsent bleiben und weiterhin Ängste verbreiten. Eine Impfung mit einem geschwächten Virus und eine gute ärztliche Behandlung wird bei vorbelasteten und alten Menschen immer wieder eine Lebensverlängerung bewirken. Wir sollten aber nicht glauben, dass wir die Natur besiegen können.

Wie Müller-Meiningen schreibt, haftet dem Tod in unserer heutigen Wahrnehmung die "Dunkelheit des Tabus" an. Früheren Generationen war es aber gerade zu Ostern sehr klar, dass er der natürliche Abschluss des von Kommen und Gehen geprägten Lebens in der Natur ist. Wir sollten dies erkennen und davon absehen, das Einzigartige am Menschen – und das sind all die Aktivitäten im Rahmen seiner selbstgeschaffenen Kultur – aus Furcht vor dem Coronavirus so nachhaltig zu schädigen, wie es jetzt überall in der Welt geschieht. Gert Strobl, Freiburg