Schuleintritt

Eltern machen sich für spätere Einschulung der Kinder stark

Stephanie Streif

Von Stephanie Streif

Di, 11. Juni 2019 um 10:08 Uhr

Südwest

Kinder, die in den Monaten Juli bis September Geburtstag haben, sind beim Schuleintritt gerade sechs Jahre alt – oder gar noch fünf. Vielen Eltern ist das zu früh. Sie kämpfen dagegen an.

Was ist das richtige Alter für den Schulbeginn? Eltern wollen durchsetzen, dass Kinder, die zu Schuljahresbeginn im September knapp oder gerade sechs Jahre alt sind, nicht mehr eingeschult werden müssen. Bislang müssen deren Eltern dafür eine Rückstellung beantragen. Untersuchungen, ob ein Kind "schulreif" ist, finden allerdings schon weit im Vorfeld statt.

21.500 Unterstützer unterschrieben die Online-Petition

Kinder, die in den Monaten Juli bis September Geburtstag haben, sind beim derzeit regulären Schuleintritt gerade sechs Jahre alt – oder gar noch fünf. Vielen Eltern ist das zu früh. Vergangene Woche ging beim Landtag in Stuttgart eine von 21.500 Unterstützern unterschriebene Online-Petition ein. Das Ziel: Der Stichtag für die Einschulung soll vom 30. September auf den 30. Juni vorverlegt werden. Kinder, die nach diesem Tag sechs werden, unterliegen erst im Folgejahr der Schulpflicht – also in den meisten Fällen mit sieben Jahren.

Schulpflichtig gewordene Kinder können auf Antrag der Eltern zurückgestellt werden, wenn sie "aufgrund ihres Entwicklungsstandes nicht in der Lage sind, erfolgreich am Schulunterricht teilzunehmen", wie es amtlicherseits heißt. Für das jetzt zu Ende gehende Schuljahr waren im Land 6100 solcher Anträge gestellt worden, der Mehrheit wurde durch die Grundschulen stattgegeben. Klingt nach einem unkomplizierten Verfahren – ist es aber nicht immer. Ein Beispiel aus diesem Jahr: Eine junge Mutter aus Freiburg – ihren Namen will sie nicht in der Zeitung lesen – erzählt, ihr Sohn sei Mitte September geboren und hätte als "Muss-Kind" nach den Sommerferien in die Schule gehen sollen. "Das wollten wir aber nicht, weil er eher schüchtern ist."

Eltern ärgern sich, wenn sie ein "soziales Defizit" ihres Kindes belegen sollen

Obwohl die Mutter das auch im Kindergarten vorgetragen hatte, bekam sie im vergangenen November eine Aufforderung zum Anmeldegespräch in der Schule. Dort hieß es, dass sie für die Rückstellung ein psychologisches Gutachten des Gesundheitsamtes oder zwei Bescheinigungen vom Kindergarten und vom Kinderarzt brauche, die ein "soziales Defizit" ihres Sohnes belegen. Das habe sie geärgert: "Mein Sohn ist ein ganz normales fittes Kerlchen, das halt ein bisschen schüchtern ist." Die Mutter erhielt die erforderlichen Bescheinigungen – und im März den Rückstellungsbescheid. Warum es ihr aber so schwer gemacht werde mitzuentscheiden, könne sie nicht verstehen, sagt sie.

Am Ende befindet die Leitung der Grundschule, in die das Kind gehen soll, über die Rückstellung. So steht es in Paragraf 74 des Schulgesetzes. Freiburgs Schulamtsleiter Werner Nagel betont aber: "Ob ein Kind zurückgestellt werden soll oder nicht, wird nicht über Nacht entschieden." Für alle Kinder gibt es die Einschulungsuntersuchung, die im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald im vorletzten und letzten Kindergartenjahr stattfindet, vor allem um eventuellen Förderbedarf festzustellen. Dabei wird das Kind medizinisch untersucht, die Erzieherinnen geben ihre Einschätzung ab. Im letzten Kindergartenjahr bekommen die Schulanfänger und das Kita-Team zudem regelmäßig Besuch von einer Lehrkraft der Grundschule. Parallel sprechen die Erzieherinnen mit den Eltern.

Zahlen zu den aktuellen Rückstellungen kann der Schulamtsleiter nicht nennen. Auch am Schulamt Offenburg muss man passen: So eine Statistik gebe es nicht. Ein Einzelbeispiel: An der Michael-Friedrich-Wild-Grundschule in Müllheim, sagt Schulleiterin Barbara Dobuszewski, sind jedes Jahr zwischen fünf und sieben von knapp hundert Kindern zurückgestellt worden. In den vergangenen 17 Jahren, in denen sie als Schulleitern tätig sei, habe sie ein, zwei Rückstellungsanträge abgelehnt, alle anderen aber "aus voller Überzeugung befürwortet".

Die meisten Anträge auf Rückstellung haben Erfolg

Oliver Simon, Schulleiter der Grundschule Kandern, schätzt, dass vier Fünftel aller Rückstellungsanträge den Kindern gelten, die in den drei Sommermonaten geboren werden. Er findet das nachvollziehbar, weil diese Kinder oft noch etwas Zeit für ihre Entwicklung bräuchten.

"Wenn ein Kind unter seinen Möglichkeiten bleibt, kann auch das zu Problemen führen." Mark Zander
Doch was ist Schulreife eigentlich? Mark Zander, Leiter der Schulpsychologischen Beratungsstelle Freiburg, sagt: "Etwa dass er manuell geschickt ist oder über eine gewisse sprachliche Ausdrucksfähigkeit und Anstrengungsbereitschaft verfügt." Die Schulfähigkeit aber nur daran festzumachen, greife zu kurz. Wichtig sei auch, wie gut Eltern ihr Kind gehen lassen können, wie Kindergärten und Schulen das Kind beim Übergang unterstützen. Der institutionalisierte Prozess, davon ist Zander überzeugt, führe in den allermeisten Fällen zu einer guten Entscheidung. Das bedeute aber nicht zwangsläufig, dem Kind noch ein Kindergartenjahr zu gönnen. Nicht nur eine zu frühe, sondern auch eine zu späte Einschulung könne von Nachteil sein: "Wenn ein Kind unter seinen Möglichkeiten bleibt, kann auch das zu Problemen führen."

Auch wenn er keine genauen Zahlen hat, so fällt Freiburgs Schulamtsleiter Nagel auf, dass heute mehr Eltern ihr Kind zurückstellen lassen wollen als früher. "Die Petition passt zu meinen Beobachtungen." Der Stichtag 30. September für die Einschulung gilt in Baden-Württemberg seit 2007, zuvor war er schrittweise nach hinten geschoben worden. In Niedersachsen und Bayern hatten Petitionen, den Termin wieder nach vorne zu ziehen, bereits Erfolg. Im Stuttgarter Landtag signalisieren CDU und FDP Zustimmung; die Grünen verweisen auf die Rückstellungsmöglichkeiten, wollen aber die Stichtagsregelung ebenfalls prüfen.