Das pulsierende Leben

Georg Voß

Von Georg Voß

Do, 11. Juli 2019

Emmendingen

Abiturjahrgang 2019 des Goethe-Gymnasiums präsentiert erweiterte Fassung von "Wer versteht hier Bahnhof" von Thorsten Böhner.

EMMENDINGEN. Viel zu lachen gab es beim Abitheater des Abiturjahrgangs 2019 des Goethe-Gymnasiums. Für die Aufführung der Comedy "Wer versteht hier Bahnhof" des Theaterschriftstellers Thorsten Böhner standen gleich 27 Schülerinnen und Schüler auf der Bühne, die eine großartige und überzeugende Performance boten. Die Regie führten Kirsi und Ronja Schweiger und Johanna Armbruster, die aber auch in einzelne Rollen schlüpften.

Rund 250 Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrer waren bereits beim ersten der zwei Aufführungstage gekommen. Es ist Comedy, ein Ensemble-Stück, lose miteinander verknüpfte Einzelszenen, ein wenig Coming-of-Age, es sind Lebensgeschichten und Start- und Wendepunkte des Lebens, die sich hier am Bahnhof abspielen, der gleichzeitig Zentrum und Niemandsland ist. Zu der erweiterten Fassung gehören auch einige Lehrer. Szenen, die Sophia Bothe und Johanna Armbruster eigens hinzugeschrieben haben und die großen Spielraum ließen für die eine oder andere Anspielung auf das Kollegium der Schule und die für die größten Lacher sorgten. Allen voran Levi Kohal mit grauem Scheitel als Olli Schmied oder Steffi Marone mit italienischen Wurzeln (Johanna Armbruster).

Die Bühne wurde zum Bahnhof umfunktioniert. Es ist der Goethe-Gymnasium-Hauptbahnhof mit Wartebank, Schalter und zahlreichen leeren Schnaps-, Bier- und Weinflaschen. Nicht weit entfernt am rechten Bühnenrand ist die Destination "Zentrum für Psychiatrie", am linken Bühnenrand steht ein Sofa für den Einblick in ein Ehe- oder Familienleben, das die vielen Reisenden nicht haben mögen mit all der Kindererziehung und den Rollenklischees. Zahlreiche Plakate sorgen für die Dekoration. "Abicetamol – 12 Jahre Schmerz haben ein Ende # Abi 2019" oder "Adenauer gestern, Merkel heute, Krumm morgen – Make Bahlingen great again" gibt es dort zu lesen. Aber auch Plakate von Destinationen wie Irland oder Kroatien hängen dort. Für Siggi (Jan Sorokovski), Bankinhaber und Penner, ist der Goethe-Gymnasium HBF allerdings vorerst die letzte Station. Die Bank ist sein Zuhause, er weiß selbst, dass Trinken nicht hilft, greift aber dennoch zum Alkohol. Einzelne Reisende beschimpfen ihn übelst oder wenden sich von ihm brüsk ab. "So ein Schweinhund darf hier rumlaufen. Er ist weniger wert, als den Dreck, den du aufhebst."

Auch nicht gerade als Vorbild für Schulabgänger dient Gathe (Malena Caligari), die als Putze den Bahnhof sauber hält und gemeinsam mit Siggi das eine oder andere redet über die Menschen und Schicksale, die an diesem Bahnhof umsteigen. Da ist auch die alleinerziehende Irina (Gina Flügler), die zuhause ihre schwer pubertierenden Kinder ertragen muss und am Bahnhof Fahrkarten verkauft, einen Kiosk betreibt und Auskunft gibt. Eine Frau rät ihr: "Verkauf sie doch nach Freiamt. Da sind sie für immer verschollen." Wenn es gut läuft, schafft sie es, überteuerte Fahrkarten zu verkaufen, bietet zwei Tickets für den Preis von drei an oder überredet Bahnkunden, ein Ticket zu kaufen mit einem anderen als dem gewünschten Zielort. Immer wieder taucht Nancy (Meli Hoxha) in der Bahnhofshalle auf, die Frau für gewisse Stunden, die aber die Männer in den Schranken weist. Da sind auch Erich (Frederik Schulz), Pit (Mirko Obrecht) und Bastian (Cedric Moosmann), die per Bahn einen Junggesellenabschied feiern wollen. Doch der betrunkene Bastian weiß auch: "Ich habe gerade geheiratet und war nicht dabei." Entsprechend wird er von der Braut Franka (Alena Istif) verzweifelt gesucht. Caro (Yara Borchert) ist ebenfalls im Brautkleid und sucht verzweifelt nach dem Mann ihres Lebens. Aber auch bei den Snobs, die auch mal per Bahn fahren, ist nicht alles so, wie es nach außen scheint. Auf dem Golfplatz seien die Löcher um 0,2 Zentimer verkleinert worden. Doch ihre Kinder wissen mehr: "Mami sagt, Papi säuft wie ein Loch." Am Bahnhof tauchen streitende Ehepaare auf: "Abicetamol kann Dummheit nicht lösen." Nur Siggi bleibt bei all dem Trubel gelassen. "Hier pulsiert das Leben. Hier erleben Sie Storys wie sonst nur im Theater."

Der Abijahrgang 2019 hat diesem Stück viel Leben eingehaucht und es mit viel Esprit und Witz gespielt, wofür alle Darsteller und die Helfer rund um die Bühne den berechtigten Applaus erhielten.