Dieses Konzert war eine Sensation

Dagmar Barber

Von Dagmar Barber

Mi, 19. Juni 2019

Emmendingen

Freiburgs Camerata Academica brillierte vor gut 450 Zuhörern in der Steinhalle.

EMMENDINGEN. Im Benefizkonzert zugunsten des Vereins Anwesen Leonhardt spielten Gunnar Persicke (Leitung) und Freiburgs Camerata Academica im zweiten Teil Beethovens Siebte; das ist üblicherweise keine Sensation. Dieses Konzert aber war eine. Schnell, leicht, scharf, mit durchweg starkem Brio (Lebhaftigkeit), aber ohne Effekthascherei bei Dynamik und Phrasierung.

Bei diesem Benefizkonzert kam die "Tausend Seelen Sprache der Natur, die sich in den Instrumenten uns offenbaren will" (Zitat von A. B. Marx 1829, Musikwissenschaftler), voll zur Geltung. Der vortreffliche Dirigent Gunnar Persicke musizierte hart am Notentext. Die Tempi nahm er durchweg schnell, auch in schwierig auszupendelnden Sätzen. Der Klarinettist gestaltete seinen Part so perfekt beiläufig wie eine Umarmung im Vorübergehen. Die assistierenden Blech- und Holzbläser nicht zu vergessen. Dieses Orchester war geradezu symbiotisch aufeinander eingeschworen. Und auch in den Streichern gab es nur beste Besetzungen mit ihrem homogenen, dabei anregend mineralischen Streicherklang. Ihre Bögen bewegten sich so streng synchron wie Soldatenbeine im Stechschritt bei Paraden. Das half ihnen, sich durchzusetzen gegen die Übermacht der Pauken, Hörner, Trompeten. Alle zusammen schafften ein überwältigendes Gesamtbild. "Da bekommt man richtig Lust, mitzuspielen" meinte Volker Steinberg, ehemals Vorstandsmitglied Wehrle-Werk, der sichtlich Freude an dieser Aufführung hatte.

Zu Beginn wurde die Ouvertüre zur Oper "Die Zauberflöte" gespielt, gefolgt vom D-Dur AV 144, Konzert für Oboe und Orchester von Richard Strauss. Es entstand 1945 und wurde am 26. Februar 1946 in Zürich uraufgeführt. Man spürt förmlich, man kann hören, wie sich die Seele räkelt, wenn Stephanie Schwartz den Solopart auf ihrer Oboe spielt. Da blüht der Ton, singt das Thema wie eine verliebte Oboe, deren Töne so wohlig schnurren wie ein Kater an einem warmen Kamin. Für Schwartz scheint das Instrument wie eine zweite Lunge zu sein und das Musizieren eine Lebensäußerung wie das Luftholen. Bei ihr gingen die ersten drei Sätze wunderbar ineinander über. Dann, vor dem letzten Satz, stoppte sie mit eigener Betonung, einer Fermate, den musikalischen Lauf. Man glaubt, zu träumen, wenn die Oboe ihre weiten Kreise über die Streicher zieht. Ihr Solopart läuft, von einigen Zwischenspielen des Tutti abgesehen, durch das ganze Stück und nur manchmal sekundiert von der Solobratsche oder dem Solovioloncello und dem Orchester. Dieses Oboenspiel ist eine enorme Leistung, farbenfroh und musikantisch. Entsprechend ist der Applaus, sogar von den Mitgliedern des Orchesters.

Lange vor Beginn waren alle 450 Sitzplätze in der Steinhalle besetzt; einige Gäste mussten stehen. Helga Stützle, Vorsitzende des Vereins Anwesen Leonhardt, drückte bei der Begrüßungsrede ihre Freude aus, dieses Orchester bereits zum fünften Mal begrüßen zu dürfen. Kassenwart Bernd Gabrysiak freut sich über den halben Spendenanteil, (die andere Hälfte erhielt das Orchester), der für den Ausbau eines Zentrums für Kunst und Kultur im Leonhardt-Anwesen bestimmt ist. Ein wundervolles Konzert am Sonntagvormittag – wir wünschen uns leichtsinnigerweise mehr, mehr und nochmals mehr solch kongenialer Live-Konzerte.