Kindheit im Zweiten Weltkrieg

"Er hat gerne Tatzen verteilt"

Mira Kasper, Klasse 9a, Erasmus-Gymnasium

Von Mira Kasper, Klasse 9a, Erasmus-Gymnasium (Denzlingen)

Mi, 05. Januar 2022 um 16:17 Uhr

Schülertexte

Zischup-Reporterin Mira Kasper hat ihre Oma Ida Bauer (Name geändert) über ihre Kindheit im Zweiten Weltkrieg befragt.

Von 1939 bis 1945 dauerte der Zweite Weltkrieg an. Auch die Daheimgebliebenen, Frauen und Kinder, mussten schlimme Dinge erleben. Ida Bauer, die damals in Sexau lebte, teilte ihre Erinnerungen an diese Zeit mit Mira Kasper.

Zischup: Wie alt warst du, als der Krieg begann?
Bauer: Ich bin 1934 geboren, also war ich fünf.

Zischup: Dann bist du im Krieg in die Schule gekommen. Konntest du immer zur Schule gehen?
Bauer: Manchmal hatten wir tatsächlich keine Schule, weil es zu gefährlich war wegen der Flieger. In der vierten Klasse haben wir gar kein Zeugnis bekommen, weil wir so wenig Unterricht hatten.

Zischup: Wie ging es in der Schule zu?
Bauer: Wir hatten einen sehr strengen Lehrer, Herrn Mainzer. Er hat gerne Tatzen – also Schläge auf die Hand, meist mit einem Lineal oder Stock – verteilt, und ich hatte Angst vor ihm. Manchmal hat er uns Schüler geschlagen, nur weil wir was falsch gemacht oder etwas Falsches gesagt hatten. Einmal hat er einem Mädchen so die Finger verschlagen, dass ihr Vater ihn mal ordentlich zur Rede gestellt hat. Wir hatten aber auch gute Lehrer, wie den, der uns Schönschreiben beigebracht hat. Nur die Rechtschreibung ist den meisten schwergefallen, weil wir ja nicht nach der Schrift reden. Außerdem gab es zu meiner Zeit viele kinderreiche Familien, und je mehr Geschwister man hatte, desto höher war die Wahrscheinlichkeit sitzenzubleiben.

Zischup: Wie viel hast du in Sexau vom Krieg mitbekommen?
Bauer: Schon einiges. Es kamen viele Flüchtlinge vom Kaiserstuhl nach Sexau mit ihrem Vieh und Karren mit dem, was sie mitnehmen konnten, und bekamen Unterschlupf. Einmal, als die Flüchtlingswagen durch das Dorf fuhren, kamen Düsenjäger und schossen auf sie. Sie haben die Flüchtlinge nicht getroffen, aber früher gab es hier eine Schmiede, und in die Scheune dieser Schmiede trafen die Düsenjäger, was natürlich zu einem Feuer geführt hat. Wenn ich auf dem Feld war zum Pflügen, musste ich mitsamt der Tiere unter den nächsten Baum, wenn die Flieger kamen. Damals gab es ja noch nicht diese großen Maschinen, die Kühe haben den Pflug gezogen. Als Freiburg bombardiert wurde, haben in unserem Haus, und das ist mehr als zehn Kilometer von Freiburg entfernt, die Scheiben vibriert.
Zischup: Das klingt gefährlich. Konntest du denn auch mal einfach so auf der Straße spielen?
Bauer: Ja, wir haben draußen gespielt. Und wenn die Bomber über uns flogen, dann sind wir Kinder zusammen gestanden und haben gesagt: "Jetzt wollen sie wieder eine Stadt bombardieren." Man hat am Ton gehört, wie schwer sie beladen waren.

Zischup: Wie stand es damals mit der Freiheit?
Bauer: Als Hitler gewählt wurde, haben seine Leute auch meine Mutter zum Wählen geholt, obwohl sie doch auf uns Kinder aufpassen musste. Jeder Wahlberechtigte musste wählen gehen, das war schon Pflicht.

Zischup: Gibt es ein Ereignis, das dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
Bauer: Da gab es eine Sache ganz am Ende. Einer unglaublich dummen Idee folgend wurde die Elzbrücke gesprengt, damit die Soldaten nicht über den Fluss kommen. Danach mussten alle, die konnten, helfen, eine Notbrücke zu bauen. Zu dieser Zeit haben die fremden Männer im Ort nach Essen gesucht. Meine Mutter hat ihnen einige Eier vor unsere Tür gestellt. Allerdings wurden viele Frauen und Mädchen von diesen Männern missbraucht und vergewaltigt, und als meine zwei älteren Schwestern zur Tür hinaussahen, als sie kamen, hat unsere Mutter sie schnell wieder ins Haus gerufen. Die Männer haben sich zum Glück mit den Eiern zufriedengegeben und sind gegangen.

Zischup: Welche Erinnerungen hast du an das Kriegsende?
Bauer: Am Ende sind die Panzer durch das Dorf gefahren, auch direkt vor unserem Haus vorbei. Die Leute haben ihre Wertsachen versteckt. Mein Vater ist auf die Treppe vor unserem Haus gestanden und winkte mit einem weißen Tuch, als Zeichen der Ergebung.
Ida Bauer (Name geändert), 87, wuchs zur Kriegszeit mit vielen Geschwistern auf einem Bauernhof in Sexau (Kreis Emmendingen) auf.