Meister des klaren Worts

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

Sa, 21. Januar 2017

Bildung & Wissen

War Martin Luther der Schöpfer der modernen deutschen Sprache? Anja Lobenstein-Reichmann räumt mit Mythen auf.

Die Rolle Luthers bei der "Entstehung" der deutschen Sprache: Im Vorfeld des Reformationsjubiläums wird in der Wissenschaft dazu Altbewährtes neu diskutiert, manches neu bewertet, vieles aufgewärmt, einiges auch neu gesagt. Vor allem aberwerden bekannte Mythen und Legenden bedient. So trägt Bruno Preisendörfers Buch zur Lutherzeit den Titel "Als unser Deutsch erfunden wurde" und suggeriert erneut, den ersten Mythos zitierend, dass es vor Luther keine deutsche Sprache gegeben habe. Doch was sprachen Minnesänger wie Walther von der Vogelweide, Schriftsteller wie Sebastian Brant? Was sprachen all die Menschen, die vor Luther zwischen Kiel und Freiburg gelebt haben?

Luther als den "Schöpfer" der deutschen Sprache zu idealisieren, hat lange Tradition, ebenso die Vorstellung, Luthers Bibelübersetzung sei die erste in deutscher Sprache gewesen und habe den Deutschen gar zur sprachlichen Einheit verholfen. Es wird Zeit, mit einer allzu sorglos vorgetragenen Reihe gängiger Formulierungen aufzuräumen. Solche Thesen sind bereits mit dem, was sie voraussetzen, irreführend. Sie sind nicht selten "konfessions"-ideologisch, zu manchen Zeiten gar national- oder kulturpatriotisch motiviert.

War das Frühneuhochdeutsche, die Sprache, in der Luther gesprochen, geschrieben und gedacht hat, noch durch viele tendenziell gleichwertig nebeneinander existierende Varietäten (zum Beispiel Dialekte, Handwerker- und Kanzleisprachen) geprägt, so entwickelt sich, bedingt durch kulturelle, technische, ökonomische Veränderungen, eine zusätzliche Varietät des Deutschen, eben jene alle räumlich beschränkten Varianten überlagernde überregionale und übersoziale Hochsprache. Diese ist ihrer Existenzform nach eher eine Schreib- als eine Sprechsprache.

Es ist diejenige Sprache, die in allen Situationen als Norm akzeptiert ist, die mehr oder weniger auch als gehobene Sprechsprache gilt. Über diese Leitvarietät kann man – selbst verkürzt – nicht so reden, als sei sie von einer einzigen Person "geschaffen" worden. Eine so umfassende Sprachentwicklung kann nicht als Leistung einer Einzelperson gedacht werden, auch wenn Luther sicher als "Stichwortgeber", als "Wortführer" in Erscheinung tritt. Seine Leistung liegt aber nicht darin, entscheidend auf das Sprachsystem eingewirkt zu haben, also auf die Grammatik, da das Frühneuhochdeutsche diese Regeln längst vor ihm besaß. Was die Schreibung betrifft, so war Luthers aktive Beteiligung an der relativen Vereinheitlichung der Orthographie gering. Nicht er selbst, sondern Lektoren, Korrektoren und die jeweiligen Drucker haben vereinheitlichend auf diese eingewirkt. Er selbst schrieb nach den Regeln der Zeit, nicht mehr und nicht weniger. Luthers tatsächliche Wirkung bestand eher darin, dass er mit seinem Sprachgebrauch zum Vorbild wurde. Dies hatte vor allem inhaltliche Gründe – er vermittelte seiner Zeit ja eine neue Theologie. Diese stellte den Menschen als Einzelnen in das unmittelbare Gegenüber zu Gott; sie authentisierte diese Haltung durch ihr Beharren auf der Heiligen Schrift (Stichwort: sola scriptura).

Luther vermittelte diesen Umbruch je nach Inhalt, Intention und Adressat in einer jeweils pragmatisch verwendeten Syntax, einem Wortschatz aus allen sozialen Höhen und Tiefen des Deutschen und einer Rhetorik, die sich aller vorhandenen Gestaltungsmittel bediente. Indem er dabei und im Laufe seines Lebens immer mehr auf das Deutsche zurückgriff, entsprach er auch kommunikativ einer Theologie, die vom Priestertum aller Gläubigen ausgeht. Luther hat das Deutsche zudem bewusst und öffentlichkeitswirksam als Abgrenzung gegenüber römisch-lateinischen Theologen verstanden. "Ich danck Gott, das ich yn deutscher zungen meynen gott alßo hoͤre und finde, als ich und sie mit myr alher nit funden haben, Widder (weder) in lateynischer, krichscher noch hebreischer zungen".

Der zweite Mythos lautet, Luther habe Deutschland "im Lauf der Zeit zur sprachlichen Einheit" verholfen. Auch diese Aussage ist bereits in ihren Ansätzen fragwürdig. Was heißt schon Einheitssprache? Denn die haben wir – Gott sei Dank – auch heute nicht. In der Sprachwissenschaft ging man lange davon aus, dass Luther deshalb sprachlich so erfolgreich gewesen sei, weil er mit seinem Schreiben an die ostmitteldeutsche Ausgleichssprache mit einer geographischen Mittellage zwischen dem Niederdeutschen und dem Oberdeutschen habe anknüpfen können. "Ein Luther in Kiel oder Konstanz hätte sich sprachlich schwer getan, wäre wahrscheinlich gescheitert", so der Sprachwissenschaftler Werner Besch. Doch erstens fanden solche Ausgleichsprozesse auch in anderen Regionen statt, und zweitens ist die unterstellte Prämisse fraglich. Zur Zeit Luthers konnte man sich im hochdeutschen Raum nämlich durchaus überregional verstehen. Die mündliche Sprachnormalität war zwar der Dialekt, doch wurde dieser in einer Sprachwelt ohne überdachende Leitvarietät gänzlich anders akzeptiert als sein späterer Nachfahre im Neuhochdeutschen.

Wir kommen zum dritten Mythos. Dieser wertet Luthers Bibelübersetzung, die nach den rund 18 bekannten Vorgängerübersetzungen durch ihre Zielsprachen- und Kommunikationsorientiertheit heraussticht, als Vehikel einer großen deutschsprachigen Einigungsbewegung. Es ist unbestritten, dass der Autoritätstext Bibel identitäts-, gruppen- und sinnstiftend von außerordentlicher Tragweite war, vor allem für Protestanten. Als Luther starb, verfügte immerhin fast jeder zweite Haushalt über ein Exemplar. Die Bibelsprache kann dennoch kein Vorbild für die neuhochdeutsche Schriftsprache oder gar Vehikel einer Einigungsbewegung sein, da sie stilistisch wie textlinguistisch durch eine bislang unübertroffene Sakralsprache (im Sinne von Birgit Stolt) gekennzeichnet ist. Um dies nachvollziehen zu können, braucht man lediglich zehn Zeilen eines Leitartikels einer größeren Zeitung als Beispiel für moderne Standardsprache mit dem Psalter zu vergleichen, der Genesiserzählung oder dem Buch der Könige.

Gewirkt hat dagegen vor allem Luthers außerordentliche Fähigkeit, seine Theologie öffentlichkeitswirksam, klar und verständlich zu kommunizieren. Im "Sendbrief vom Dolmetschen" verweist Luther darauf, wie "die mutter ym haus und der gemeine man" reden. Doch mit diesem Vorbild meinte er keineswegs, dass er der niederdeutsch sprechenden Wittenberger Marktfrau oder dem "gemeinen Mann" nach dem Munde reden wollte. Es ging ihm nicht um den Jargon gärender Unterschichten, wie der Sprachhistoriker Arno Schirokauer ihm vorwirft. Es ging ihm vielmehr darum, den Menschen dort abzuholen, wo er in seiner Alltagswelt steht.

Dazu nutzte er meisterhaft alle damals zur Verfügung stehenden Register der Sprache. Berühmt ist er wegen seiner Wortbildungen, seiner Metaphern, seiner Sprichwörter und Redensarten, vor allem aber wegen seiner reformatorischen Semantiken um Glaube, Buße, Gnade, Freiheit, vielleicht sogar auch ein wenig um seiner Grobheiten willen. Doch diese waren übliche Polemik und in ihrer öffentlichkeitswirksamen Schlagkraft durchaus gewollt. Ihre vermeintlich grobianische Art entsprach den humanistischen Gepflogenheiten und war deshalb nicht nur Luther zu eigen.

Bemühungen der katholischen Gegner Luthers, seiner Öffentlichkeitswirkung mit gleicher Münze entgegenzutreten, so der Auftrag zum Beispiel an Thomas Murner, scheiterten nicht zuletzt an dieser einzigartigen Sprachgewalt Luthers.

Das Bild oben auf dieser Seite stammt aus dem 2003 gedrehten Film "Luther". Weitere Informationen dazu im Internet unter http://www.luther-film.de