Es drohen finstere Zeiten

Christina Peters

Von Christina Peters (dpa)

Sa, 01. August 2020

Kultur

Die Kulturszene in Österreich befürchtet: Das Schlimmste steht vor allem Clubs und freien Theaters noch bevor.

Die Wiener Sängerknaben sind von der Corona-Krise bedroht. Dem ein halbes Jahrtausend alten Kinderchor geht nach eigenen Angaben im Herbst das Geld aus. Bis Weihnachten fallen zwei Millionen Euro Einnahmen weg. Die Jungen im Matrosendress dürfte ihre Rolle als kulturelle Botschafter der Alpenrepublik retten. Anderswo sieht es finsterer aus. Die Pandemie macht Österreichs Kulturszene, die das Land so sehr ausmacht, schwer zu schaffen – und das Schlimmste, sagen viele, steht noch bevor.

"Die Vielfalt und auch die Freiheit der kulturellen Äußerung steht auf dem Spiel", warnt Kulturjournalist Matthias Dusini vom Wiener Falter. Dabei sieht der Sommer für die Kultur auf den ersten Blick relativ heiter aus. Schon Ende Mai kam das erste Aufatmen. Vorsichtig öffneten die Museen, die Wiener Philharmoniker spielten Beethoven im Musikverein – vor 100 statt 1700 Zuschauern. Die Stadt Wien rief einen Open-Air-Kultursommer aus. Ab August sind bis zu 1000 Gäste in Räumen mit genehmigtem Konzept erlaubt, draußen mehr, bei zugewiesenen Plätzen und einem Meter Abstand.

Im September geht es auch an den Bühnen weiter. "Aus Rückmeldungen unseres Publikums wissen wir, dass es eine große Sehnsucht nach dem Theater gibt", erklärt Burgtheater-Chef Martin Kusej. Schutzmaßnahmen sollen den Spielbetrieb ermöglichen – so wie derzeit 250 Kilometer westlich von Wien. Die Salzburger Festspiele sind ein Experiment mit der "neuen Normalität": Bestuhlung im Schachbrettmuster, Tests für Künstler, ein Drittel Besucher, ein Viertel Einnahmen. Viele schauen mit gemischten Gefühlen zu. Von einer "Lex Festspiele" spricht Musikmanager Hannes Tschürtz, dessen Label den Austropop-Exporthit Bilderbuch entdeckte. Für die Musikbranche ist die Krise ein Totalschaden. Vermarktung, Konzerte, Tantiemen liegen brach. "Das wahre Problem kommt 2021, 2022, 2023", sagt Tschürtz. "Das Dramatische kommt erst." In der Clubszene wachsen Schuldenberge, vielen droht das Aus. "In Wahrheit betreiben wir Konkursverschleppung", sagt ein Clubbesitzer. Die freie Szene der Theaterstadt Wien ist ratlos und wütend. Nach dem durch Kurzarbeit bewältigten Ausfall naht ein Herbst mit im besten Fall halben Einnahmen.

Corona-Tests für ein Ensemble? Unbezahlbar. "Viele von uns wissen nicht, ob sie 2021 ihre Pforten öffnen können", sagt Roman Freigaßner-Hauser vom Rabenhof Theater, der für 15 kleine Bühnen spricht. Die Pandemie treffe jeden. "Aber es ist ja nicht so, dass gitarrenzupfende Laien am Werk sind, die einen Beruf schwänzen. Theater in nicht kommerzieller Form braucht Unterstützung vom Staat." Diese Sorge teilen die Großen. "Dass Kultur nicht als notwendig erachtet wird, zehrt am Selbstverständnis", sagt Christian Kircher, Geschäftsführer des Staatskonzerns, der die Bundestheater Staatsoper und Burgtheater hält. "Aus unserer Sicht sind wir staatstragende Unternehmen, die für das Bild Österreichs im Ausland mitverantwortlich sind." Auch bei den mit über 160 Millionen Euro im Jahr gestützten Bundestheatern sind die Kassen fast leer. Fünf Millionen Euro Hilfen stehen bis Ende 2020 sieben Millionen Euro durch entfallene Kartenverkäufe gegenüber. "Für das nächste Geschäftsjahr ab September gibt es extreme Unsicherheit", sagt Kircher. Ähnliche Töne aus Salzburg: "Ich mache mir weniger Sorgen um dieses Jahr als um 2021", sagte Festspiele-Präsidentin Helga Rabl-Stadler der Wiener Zeitung. "Zweimal können wir das schwer durchstehen."

Bei aller Betroffenheit: "Die Zukunft der Wiener Staatsoper, des Burgtheaters und der Volksoper stehen wohl nicht zur Diskussion", räumt Kircher ein. Für den Rest lautet die Frage nicht, ob, sondern was stirbt. Es gibt bisher 100 Millionen Euro für Künstler. Das reicht nicht. Bis zu zwei Milliarden Euro, ein Viertel der Wertschöpfung der vergangenen Jahre, soll Corona den Kultursektor kosten. Ein Theatersterben in Wien würde auch die Hochkultur treffen. "Wir sitzen in einem Boot", sagt Kircher. "Wenn es keinen Nachwuchs gibt, wird das in fünf Jahren uns erreichen."