"Es ist fünf nach zwölf"

Hans-Jürgen Hege

Von Hans-Jürgen Hege

Do, 22. August 2019

Zell im Wiesental

Infoveranstaltung zur Ärzteversorgung in Zell / Honeck: Ärztemangel ist "kaum mehr reparabel".

ZELL. Im Städtli sind die letzten Mediziner dabei, das Handtuch zu werfen. Die Gesundheit der Patienten im ländlichen Raum hängt am berühmten seidenen Faden, weil – wie es der frühere Zeller Arzt Dr. Mathias Poland bei einer Informationsveranstaltung des CDU-Ortsverbands am Dienstag in der völlig überfüllten Begegnungsstätte etwas drastisch formulierte – "es erklärtes Ziel der Verantwortlichen im Gesundheitsbereich ist, in ganz Deutschland Einzelpraxen und eine vor Jahren noch gut funktionierende hausärztliche Versorgung auszurotten".

Dr. Thomas Honeck, Mitbegründer des nach 15 "kämpferischen Jahren" mittlerweile florierenden Todtnauer Gesundheitszentrums (TGZ) und vom Andrang "völlig überrumpelter" Hauptreferent dieses informativen Abends unter der Überschrift "Wir kümmern uns", wollte zwar nicht ganz so weit wie sein Kollege gehen. Dennoch erneuerte er aber nach seiner Schilderung des Werdegangs seines TGZ, nach einem "unglaublichen bürokratischen Hindernislauf" und einem "zermürbenden Kampf mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV)" , die Forderung: "Die unselige und völlig unnötige Bedarfsplanung zur Ärzteversorgung im ländlichen Raum muss ebenso schnell und nachhaltig abgeschafft werden wie Gesetze, die den Arbeitswillen der Ärzte untergraben oder den Ärzten Verträge verordnen, die ihnen Leistungen verbieten, weil sie weit und breit nicht vorhandenen Spezialisten vorbehalten bleiben sollen." Es sei nicht fünf vor, sondern inzwischen fünf nach zwölf. Aber es mangle denen, die Entscheidungen treffen, an Einsicht, vielleicht auch an Wissen, aber leider nicht an Gleichgültigkeit gegenüber den 1671 Patienten, die nach offiziellen Schlüsselzuweisungen auf einen Arzt kommen, der diese Mammutaufgabe "nie und nimmer" bewältigen könne. Ein Umstand, der einem "völlig falschen Ansatz in der Gesetzgebung" geschuldet gewesen sei und der zeige, dass bei Überlegungen und Berechnungen der demographische Wandel, schon gar nicht der Umstand, dass auch Ärzte immer älter werden, "einfach nicht berücksichtigt" wurde.

Thomas Honeck versicherte, dass die von ihm angeschnittenen Themen fahrlässig unterschätzt worden seien oder viel zu spät zur Kenntnis genommen wurden, weil für viele dort oben wahrscheinlich "auch jeder Winter immer wieder völlig überraschend kommt". Es sei aber nicht mit der Abschaffung bürokratischer Gängeleien allein getan. Vielmehr sei es dringend nötig, niederlassungswilligen Ärzten betriebswirtschaftliche Anreize zu geben, sagte der Honeck. Es mache ihm aber nichts aus, auch mal ohne Honorar ärztliche Leistungen zu erbringen, wenn es die Umstände erfordern, betonte der Arzt.

Seit 2007 habe er am Gesundheitszentrum gebastelt, weil damals bereits abzusehen war, was heute beängstigende Realität sei: ein kaum mehr reparabler Ärztemangel und Kollegen, die das unternehmerische Risiko scheuen und viel lieber angestellt mit kalkulierbarer Freizeit und festen Bezügen arbeiten würden. Dem habe man im TGZ Rechnung getragen. Ausdauer, Beharrlichkeit, Mut und Risikobereitschaft hätten sich für ihn und sein 40-köpfiges Team ausbezahlt. "Ich bin der Überzeugung, den richtigen Weg gewählt zu haben", sagte der Arzt, der in Zell aber auf Nachfrage bekennen musste, "keine Betriebsanleitungen" für die Probleme der Stadt parat zu haben. Den Zuhörern machte er nach lang anhaltendem Beifall klar, dass es viele Jahre dauern könne, Versäumnisse der Vergangenheit aufzuholen. Und zwar auch dann, wenn sich die Beitragszahler endlich einmal die Kassenärztliche Vereinigung und die Krankenkassen als Mitschuldige an der Katastrophe kräftig zur Brust nehmen würden.

Info: Der CDU-Stadtverband Zell lädt ein zur zweiten Veranstaltung der Reihe "Wir kümmern uns" am Donnerstag, 5. September, 19 Uhr, in der Begegnungsstätte. Referent ist Dr. Andreas Koch aus Zell.