Es könnte sein, dass sich die Kirchen nicht wieder füllen

Gerhard Kiefer

Von Gerhard Kiefer

Fr, 07. Mai 2021

Literatur & Vorträge

BUCH IN DER DISKUSSION: Der Theologe Tomáš Halík fordert in seinen Predigten, die katholische Kirche solle sich der Moderne öffnen.

Wiederholt sich Geschichte doch? Den Prager Reformtheologen Tomáš Halík erinnert die Gegenwart der katholischen Kirche an ihre Situation am Vorabend der Reformation. Seiner Analyse zufolge könnte "der lange verheimlichte und tabuisierte sexuelle und geistliche Missbrauch" eine ähnliche Sprengkraft entfalten wie im ausgehenden Mittelalter der von Luther angeprangerte Ablasshandel. Denn wirklich aufgeklärt und juristisch umfassend aufgearbeitet ist die Dimension der Untaten geweihten und ungeweihten Pastoralpersonals an jungen Menschen offenbar nicht. Erweisen sie sich, wenn alle ermittelt sind und bekannt werden, "als letzter Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt", wie Halík es für möglich hält?

Der unter den Kommunisten geheim geweihte, inzwischen 72-jährige Priester und Professor an der Karls-Universität in Prag mit intellektuellem Renommee weit über seine Heimat hinaus sieht auch in den pandemiebedingt derzeit zugesperrten Kirchen ein Fanal für die Zukunft der katholischen Kirche – falls sie alle Appelle zu einer inneren Reform ignoriere, zur Vertiefung ihrer Theologie, ihrer Spiritualität und ihrer pastoralen Praxis. So blieben die Stätten des Gebets und der Liturgie auch dann noch leer, wenn sie wieder offen seien.

Halík fordert von seiner Kirche entschlossen, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Vor allem mit dem Blick auf die katholische Frau, die zu weihen der Kirche "nicht erlaubt" sei, wie der Papst aus Polen 1994 apodiktisch kundtat. Wer Jünger Jesu ist, sollte die gleiche Würde von Frauen und Männern in der Gesellschaft und in der Kirche verteidigen, fordert Halík. "Wir werden auf den heutigen Widerstand gegen die Gendertheorien (…) in zehn Jahren wahrscheinlich mit derselben Beschämung zurückblicken, mit der wir heute die päpstlichen Dokumente aus dem 19. Jahrhundert lesen, die Pressefreiheit, Gewissensfreiheit und Religionsfreiheit verurteilen und viele weitere Grundprinzipien der modernen Kultur dämonisieren" – einer der zentralen Sätze in diesem Buch.

Halík beklagt, die Kirche habe aus Angst vor dem Marxismus schon die Arbeiterklasse verloren und im Erschrecken vor dem Darwinismus und dem "Modernismus" auch einen Großteil der gebildeten Schichten. Diese habe sie weder durch ihre Akzeptanz des säkularen Humanismus noch durch die Dokumente des Konzils zurückgewinnen können. Wenn die männerdominierte Kirche auf das neue Selbstverständnis der Frau nicht reagiere, werde sie auch diese, eine ihrer Hauptstützen, verlieren "und diese Blindheit gleich teuer bezahlen wie damals die Ablehnung der heliozentrischen Kosmologie, später der Evolutionstheorie, der modernen Demokratie und schließlich der Religionsfreiheit oder der Notwendigkeit eines hermeneutischen Zugangs zu den biblischen Texten".

Formuliert hat Halík sein Credo in Predigten für die Akademische Gemeinde der Prager Salvatorkirche vom Aschermittwoch bis zum Pfingstfest 2020. Nun sind seine Gedanken, unter dem Titel "Die Zeit der leeren Kirchen" zu einem aufrüttelnden Buch aufbereitet, auch auf Deutsch erschienen.

Theologisch macht Halík seine Kritik an der Kirche unangreifbar, weil er sich überzeugend zu Leben und Lehre Jesu bekennt. Aber Verständnis zeigt für die vielen, die der katholischen Kirche den Rücken kehren: Die meisten von ihnen seien keine Atheisten, aber "Antiklerikale", die von der Hierarchie zu existentiellen Fragen keine überzeugenden Antworten mehr hören. Der Exodus der Katholiken werde, wie Halík fürchtet, die Kirche in seiner Heimat zu einer marginalen Sekte schrumpfen lassen. Doch sie simpel zu "modernisieren" lehnt Halík ab. Den rapiden Rückgang an Mitgliedern mit dem Zusammenlegen von Pfarrgemeinden oder dem "Import" von Priestern aus dem Ausland zu stoppen erscheint ihm "wie das Hin- und Herschieben der Liegestühle auf der Titanic".

Wer glaubt, die trotz allem "heilige" Kirche habe mit dem Konzil ihre Probleme bewältigt, wird nach der Lektüre dieses Buches wohl umdenken. Mit dem Synodalen Weg versuchen die Bischöfe und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken, sie zu einem lebensnäheren und glaubwürdigeren Weg zu den Menschen zu motivieren. Halíks Buch lässt sich so auch als Mahnung lesen, diesen fast verzweifelten Versuch, die Kirche zu erhalten, nicht länger als modernistischen Frontalangriff auf sie zu diskriminieren.