Es kulminiert zum Schluss

Das Gespräch führte

Von Das Gespräch führte

So, 25. August 2019

Kultur

Der Sonntag Almut Wagner vom Theater Basel zum Ende der Intendanz von Andreas Beck .

Mit einem Tag der offenen Tür meldet sich das Theater Basel am 31. August aus den Ferien zurück. Almut Wagner übernimmt in der Spielzeit 2019/20 die Leitung des Schauspiels, ehe sie ein Jahr später dem Intendanten Andreas Beck als Chefdramaturgin an das Münchner Residenztheater folgen wird. Im Interview spricht sie über den Aderlass im Schauspiel, Spielpläne und die Theaterstadt Basel.

Der Sonntag: Das Theater Basel startet mit einem Tag der offenen Tür in die Saison. Ist das Ihre Art zu sagen, wir sind noch da, Frau Wagner?

Das Theaterfest führen wir alle zwei Jahre durch, abwechselnd mit unserem Betriebsausflug. Ja, wir sind wieder da – aus den Spielzeitferien.
Der Sonntag: Das Theaterfest ist mit einem Blick hinter die Kulissen verbunden; kommen die Gewerke und alle, die man nicht sieht, zu kurz in der Wahrnehmung, was Theater ausmacht?

Das Interesse an den Abläufen hinter der Bühne ist sehr groß. Unsere Führungen erfreuen sich wahnsinniger Beliebtheit. Auf der Großen Bühne wird es in diesem Jahr anlässlich des Theaterfestes eine fulminante Technik-Show geben. Das soll zeigen: Theater ist ein Gemeinschaftskunstwerk und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind am Gelingen beteiligt.
Der Sonntag: Es ist die letzte und damit etwas undankbare Spielzeit der Intendanz von Andreas Beck, der bereits am Münchner Residenztheater arbeitet. Sie halten zusammen mit dem Operndirektor Pavel B. Jiracek und dem Ballettdirektor Richard Wherlock in Basel die Stellung. Kann man in einer solchen Situation auch Stellung beziehen?

Ich bin sehr dankbar, diese Saison noch hier zu sein. Wir haben sehr große Lust, den doch sehr anspruchsvollen Spielplan den Zuschauern ans Herz zu legen. In dem Fall kann ich nur für das Schauspiel sprechen, aber in meinen Augen ist er inhaltlich vielleicht unser konsequentester. Viele Projekte sind hineingeflossen, die wir seit Jahren planen. "Das große Heft" von Ágota Kristóf wollte ich schon lange machen. "Der standhafte Prinz" von Pedro Calderón de la Barca ist eine Koproduktion mit dem Festival Culturescapes und eine wirkliche Ausgrabung, die für uns eigens neu übersetzt wurde. Auf Sibylle Bergs Lysistrata-Bearbeitung haben wir ein paar Jahre gewartet. Wir sind bekannt dafür, dass wir viele Auftragswerke vergeben, und räumen den Autorinnen und Autoren gerne großzügig Zeit ein. Es ist bestimmt vier Jahre her, dass wir erstmals mit Lukas Bärfuss gesprochen haben. Unser gemeinsamer Wunsch war es, einen großen französischen Roman zu adaptieren. Letztendlich ist es sein Lieblingsroman "Rot und Schwarz" von Stendhal geworden. Ich hätte es sehr schade gefunden, auf diese Projekte verzichten zu müssen. Andere Inszenierungen haben einen kürzeren Vorlauf, mit Anne-Louise Sarks haben wir vor einem Jahr über "Unsere kleine Stadt" gesprochen. Das Projekt "Im Hinterhaus" über Anne Frank haben wir sogar noch später ins Programm aufgenommen. Der Kontakt zum Basler Anne Frank Fonds kam erst im Dezember zustande.
Der Sonntag: Sie müssen jetzt aber mit einem ganz anderen Ensemble planen, gut 15 Schauspielerinnen und Schauspieler stehen in der nächsten Saison in München auf der Bühne.

Es sind ja auch tolle Kollegen geblieben. Ich glaube, wir haben für die Spielzeit ein sehr vielversprechendes Ensemble zusammengestellt. Manche haben sich für die gesamte Spielzeit verpflichtet, andere für zwei Produktionen. Wie haben viele Vorsprechen angesetzt, es sind unter anderem Kolleginnen und Kollegen aus Düsseldorf oder vom Schauspielhaus Hamburg dabei, mit denen ich schon lange wieder zusammen arbeiten wollte und die um die Qualität des Hauses wissen.

Der Sonntag: Das Publikum wird den Verlust dennoch spüren. Muss eine solche Zäsur wirklich bei jedem Intendantenwechsel sein?

Ich finde nicht, dass es unbedingt notwendig ist. Aber das Ensemble hatte sich zuletzt derart nach vorne gespielt, dass ich mir nicht sicher bin, ob es in dieser Form zusammengeblieben wäre. Bei jedem Theatertreffen, bei jedem Gastspiel mussten wir regelrecht Angst haben, dass unsere Leute abgeworben werden, da die Intendanten schon Schlange standen. Natürlich ist das schade für das Publikum, aber es ist auch schön, dass jetzt wieder neue Konstellationen entstehen können. "Graf Öderland" ist eine Kooperation mit dem Residenztheater, und es werden bekannte Gesichter wiederkommen, es gibt also eine Kontinuität.
Der Sonntag: In der nächsten Spielzeit wird unter anderem "Der Gehülfe" von Robert Walser inszeniert, "Schellen-Ursli" als Familienoper, das Anne Frank-Stück hat Basel-Bezug, es gibt eine Reihe von Schweizer Autorinnen und Autoren, die für das Theater Basel arbeiten werden, und Tom Ryser plant gar eine "Operettenverschweizerung". Kann das Zufall sein?

Nein, der Spielplan ist extrem auf Basel und dieses Haus zugeschnitten. Daneben gibt es im Schauspiel eine thematische Linie: die Situation von jungen Menschen in Kriegs- und Konfliktsituationen. Das fängt mit "Das große Heft" an und geht bei "Der standhafte Prinz" und "Hundert Jahre weinen oder hundert Bomben werfen" von Darja Stocker weiter. Es hat sich organisch zusammengefügt. Die Welt befindet sich gerade an einem brisanten Punkt des Umbruchs. Ich finde es wichtig, dass man dies mit Geschichten von jungen Leuten erzählt. Daher ist "Im Hinterhaus" für uns wichtig, es soll keine weitere Inszenierung des Tagebuchs von Anne Frank sein, sondern auch um die Geschichten von Jugendlichen heute gehen.
Der Sonntag: Ist es ein Lernprozess gewesen, für Basel einen Spielplan zu entwickeln?

Schon in der Vorbereitung für das Theater Basel haben wir viel Schweizer Literatur gelesen und viele Gespräche geführt. Jetzt zum Schluss kommt viel zusammen. Von Anfang an war es ein Arbeitsauftrag, einen Spielplan zu erstellen, der so nicht woanders stattfinden und funktionieren könnte.

Der Sonntag: Die Schweiz ist ein besonderer Theaterplatz. Einerseits ist das Land kleinteilig und jede Stadt schnell zu erreichen, andererseits ist sie Teil der deutschsprachigen Theaterszene. Was macht für Sie das Besondere aus?

Literarisch gesehen natürlich das Verspielte, dass über die Bande gespielt wird. Das vielleicht auch Walserhafte, was auch die Kunst eines Thom Luz ausmacht. Wenn man über Spielweisen spricht, dann finde ich, dass sich auch die geografische Lage der Schweiz niederschlägt. Einflüsse aus Italien und Frankreich sind spürbar. Außerdem geht es vielleicht weniger darum, "rotzig" zu sein, es geht mehr um Ruhe, Nachdenklichkeit und Ernsthaftigkeit.
Der Sonntag: Am 23. April steht mit "Der Kirschgarten" ein Stück von Anton Tschechow und die letzte Schauspielpremiere auf dem Spielplan, bei dem es auch um einen Abschied geht. Ein symbolisches Ende?

"Der Kirschgarten" ist natürlich ein Sinnbild für Abschied, aber genauso für Aufbruch. Wir wollten ihn unbedingt machen, obwohl am Theater Basel Stefan Pucher bereits vor 20 Jahren einen legendären "Kirschgarten" inszeniert hat. Julia Hölscher ist eine ganz andere Regisseurin, sie arbeitet sehr stark atmosphärisch. Sie sucht in erster Linie nach der Komödie. Wir enden mit einem großen Ensemblestück. Und neben der Arbeit mit zeitgenössischen Autoren, die wir als Basler Dramaturgie bezeichnet haben, stand bei uns das Bekenntnis zum Ensemble an erster Stelle.

Das Gespräch führte Annette Hoffmann
Das Theaterfest in Basel findet am Samstag, 31. August, zwischen 14 und 20 Uhr statt.