Großbritannien

"Es tut mir so leid, Mama": Die letzte SMS aus dem Container der Menschenhändler

Peter Nonnenmacher

Von Peter Nonnenmacher

Mo, 28. Oktober 2019 um 09:27 Uhr

Panorama

Viele der 39 illegalen Migranten, die in Großbritannien tot in einem Container gefunden wurden, stammen aus Vietnam – eine Frau konnte noch eine letzte Nachricht senden.

Inzwischen kennt alle Welt den Text, den Pham Thi Tra My in ihre vietnamesische Heimat schickte. Es war der letzte Text von ihr, als sie in der Tiefgefrierfalle saß. "Es tut mir so leid, Mama", tippte die 26-Jährige. "Meine Reise ins Ausland ist gescheitert. Mama, ich liebe dich so sehr! Ich sterbe, weil ich nicht atmen kann." Kurz danach noch einmal: "Es tut mir so leid, Mama." 4.28 Uhr morgens war es in Vietnam, als diese Meldung die Eltern erreichte. 22.28 Uhr war es in England.

Der Container war just vom belgischen Zeebrugge zum britischen Hafen Purfleet unterwegs. So es in diesen Augenblicken verzweifelte Schreie gab, wilde Schläge gegen die Containerwände, hatte das offenbar niemand wahrgenommen. Die 39 Menschen, die in dem Behälter eingeschlossen waren, hatten keine Chance. Bei einer Temperatur, die bei minus 25 Grad gelegen haben konnte, starben sie einen grauenhaften Tod.

Pham Thi Tra My war eines der Opfer. Der Zeitpunkt ihrer Textübermittlung deckt sich mit der Zeitspanne, in der die illegalen Migranten im Container einer nach dem andern erfroren. Vor ihrer letzten Botschaft hatte Pham die Eltern noch gemahnt, sie auf der letzten Etappe ihrer Reise nicht anzurufen. Die Leute, die den Transport organisiert hatten, hätten es verboten, sagte sie. Von einer anderen jungen Vietnamesin, einer 19-Jährigen, die Phams Schicksal offenbar teilte, weiß man inzwischen, dass sie ihrem Bruder vor dem Besteigen des Trailers mitteilte, sie klettere jetzt in den Container und schalte ihr Handy ab.

Das ganze Wochenende über stellte die britische Polizei fieberhaft Ermittlungen an zu den Hintergründen der Katastrophe, bei der so viele Menschen ums Leben kamen. Fest steht, dass 31 Männer und acht Frauen einem skrupellosen Menschenhandel zum Opfer gefallen sind.   Anfangs hatte die Polizei noch erklärt, bei den Opfern handle es sich um chinesische Staatsbürger. Wie sich anderntags aber herausstellte, befanden sich unter den Toten viele Vietnamesen.

Mehrere vietnamesische Familien, die erwartet hatten, von ihren Kindern ein Lebenszeichen nach der Ankunft in England zu erhalten, hofften vergebens – und sind sich inzwischen sicher, dass ihre Sprösslinge mit im Container waren. Eine Familie erklärte, es habe sich um einen Konvoi von insgesamt drei Trailern gehandelt, mit über hundert Personen an Bord.   Die vietnamesische Botschaft in London richtete am Wochenende eine Hotline ein, um bei der Identifikation zu helfen. Es werde leider einige Zeit dauern, bis man Gewissheit habe, meint die Polizei.

Unmittelbar festgenommen wurde von Scotland Yard der 35-jährige Fahrer des Lasters, der den Container im Hafen Purfleet abholen kam an jenem Tag, um ihn in ein Industriegelände östlich von London zu befördern. Der Mann aus dem nordirischen Armagh ist angeklagt, für den Tod der 39 verantwortlich zu sein und einer Gang von Menschenhändlern anzugehören.

Wie diese "irische Verbindung" genau funktionierte und in welchem Verfahren der Trailer zwischen Irland, England, Belgien und Frankreich unterwegs war in den Tagen vor dem Vorfall, versucht man jetzt zu rekonstruieren. Der Fahrer wird an diesem Montag einem Ermittlungsrichter vorgeführt. Drei andere zunächst verhaftete Personen kamen am Sonntag auf Kaution vorläufig frei. Auch wie die Opfer selbst nach Zeebrugge gelangten, ist noch nicht vollständig klar. Bekannt ist, dass seit einigen Jahren sehr viele Vietnamesen versuchen, nach Großbritannien zu kommen, um dort Arbeit zu finden. Die Statistiken vermelden einen steilen Anstieg des Zuzugs illegaler Migranten aus den ärmeren Regionen Vietnams. Die Menschenschmuggler, die Anreise und Transport nach England organisieren, verlangen zwischen 10 000 und 35 000 Pfund pro Trip und Person.

Wer den Höchstpreis zahlt, kann die Reise mit einem Flug – etwa von China nach Frankreich – verkürzen. Beim "billigeren Tarif", der noch immer zehn Jahreslöhnen einer vietnamesischen Familie in ländlichen Gebieten entspricht, ist die Reise länger und strapaziöser. Dennoch sind Familien, die für ihre Kinder und sich selbst eine bessere Zukunft erhoffen, häufig bereit, sich hoch zu verschulden. Großbritannien lockt nicht nur wegen des Geldes, das illegale Migranten dort zu verdienen hoffen, sondern auch, weil es schon eine starke vietnamesische Bevölkerung im Vereinigten Königreich gibt. Hoch verschuldet durch die Anreise, verbringen sie oft Jahre ihres Lebens in regelrechter Knechtschaft, in der Gewalt skrupelloser  Menschenhändler.