Paris

Experten mahnen, den Wiederaufbau von Notre-Dame nicht zu überstürzen

Simona Block

Von Simona Block (dpa)

Mo, 22. April 2019 um 19:33 Uhr

Panorama

Der Wiederaufbau von Notre-Dame eine Herausforderung in vielerlei Hinsicht: denkmalpflegerisch, technisch, restauratorisch.

Mit der Dresdner Frauenkirche, der Kathedrale von Reims und der Grabtuchkapelle in Turin sind in der Vergangenheit bedeutende Baudenkmäler Bränden zum Opfer gefallen. Wie bei diesen ist der Wiederaufbau von Notre-Dame eine Herausforderung in vielerlei Hinsicht: denkmalpflegerisch, technisch, restauratorisch. Für das Pariser Wahrzeichen hoffen Experten darauf, dass Rekonstruiertes mit Bestehendem und Bewahrtem verbunden wird.

Bei der 1945 nach den alliierten Bombenangriffen von Feuer und Hitze zerstörten Dresdner Frauenkirche dauerte die Rekonstruktion elf Jahre vom ersten Stein 1994 bis zum Abschluss des Innenausbaus 2005. Die hervorragende Dokumentation des verlorenen spätbarocken Gotteshauses ermöglichten den originalgetreuen Wiederaufbau, sagt Eberhardt Burger. Der 75-Jährige hat das Projekt damals gemanagt. "Die Verbindung des von den Vorfahren Überlieferten mit heutigem Wissen war eine ideale Grundlage."

Experten mahnen, nichts zu überstürzen

Der verlorene Dachstuhl, eingestürztes Gewölbe, dazu Brand- und Wasserschäden nicht nur an der Architektur sowie der Zustand des Mauerwerks seien in Notre-Dame entscheidend, sagt Kunsthistoriker Stephan Albrecht von der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. "Der Kalkstein war großer Hitze ausgesetzt, und durch das geschmolzene Blei und den immensen Dachstuhl ist fraglich, ob es noch trägt." Dazu komme, dass die gotische Kathedrale ein Konglomerat aus 12., 13. und 19. Jahrhundert ist, mit jeweils anderen Technologien.

"Für die meisten Teile gibt es keine originalen Baupläne oder -zeichnungen", berichtet Albrecht, der seit Jahren an dem Bauwerk forscht. Auch nicht vom verlorenen Dachstuhl, der auf eine Holzkonstruktion aus dem 13. Jahrhundert zurückging. "Die Form kann man natürlich kopieren, die Substanz aber ist weg." Und mit ihr viele für eine Nachbildung unverzichtbare Informationen zur Oberfläche, zur Beschaffenheit und zur Fertigung der Kathedrale. Immerhin haben Albrecht und sein Team gerade die Wände eines Querhauses mit Scannern in 3D vermessen. "Das ist jetzt ein Glücksfall, wir können sagen, wie das Mauerwerk über ziemlich große Strecken ausgesehen hat." Mit einem weiteren Scan könne ermittelt werden, wie sich die Katastrophe ausgewirkt und die Wand verformt haben. Nicht nur er hofft, dass nichts überstürzt und zunächst eine genaue Bestandsaufnahme gemacht werde. "Notre-Dame, wie man sie kennt, ist verloren, und das, was wiederkommt, ist eine Kathedrale mit ergänzter Geschichte von Zerstörung und Wiederaufbau, und das wird man auch sehen", sagt Albrecht. Wie bei vielen kriegsgeschädigten Gotteshäusern in Deutschland: "Damals musste alles relativ schnell gehen, da hat man großzügig ausgetauscht."

Notre-Dame ist nach Auskunft des französischen Kulturministers Franck Riester "fast gerettet". Es gebe zwar noch einige Schwachstellen am Gewölbe, insgesamt seien das aber "großartige Neuigkeiten", sagte Riester bei einer Konzertgala für den Wiederaufbau. Er betonte, dass alle sensiblen Teile in dem Gotteshaus gesichert und stabilisiert worden seien.

Zahlreiche Kulturerbe-Experten haben Präsident Emmanuel Macron derweil aufgefordert, seine Verpflichtung einzuhalten. Macron hatte kurz nach dem Brand angekündigt, die Kathedrale innerhalb von fünf Jahren wiederaufzubauen. Der Präsident solle beim Wiederaufbau Sorgfalt walten lassen, schrieben die Fachleute in einem offenen Brief, den der Sender Franceinfo am Ostermontag veröffentlichte. Der Wiederaufbau in diesem Zeitraum müsse in vollem Einklang mit der Struktur des Gebäudes erfolgen. "Es wäre schade, wenn Notre-Dame de Paris Jahre nach Beendigung der Arbeit Mängel aufweisen würde", heißt es in dem Brief.

Nach Angaben von Denkmalpfleger Gerhard Vinken von der Bamberger Universität ist bei solchen Projekten entscheidend, sie wetterfest zu machen und die Statik zu erhalten. "Es ist die ungeheuer komplexe Aufgabe von der Erfassung bis zur Technologie in einem Denkmal, was so höchstrangig und zugleich komplex und fragil ist." Das könne nur ein interdisziplinäres Team.

Der Verband der Restauratoren mahnt, so viel wie möglich von der historischen Substanz zu konservieren und zu restaurieren und bietet Erfahrung und Expertise an. "Die Mauern, die Malerei und Dekoration sind Träger von Geschichte", sagte Präsident Jan Raue. Vom Dachstuhl sollte alles, was zu retten ist, geborgen werden. Man müsse schauen, ob ein Teil der originalen Hölzer wiederverwendet werden kann. "Ich möchte appellieren, sich Zeit zu lassen." Neben Wasser sind auch Ruß und Staub, die Architektur, Kunstwerke und Oberflächen eine Herausforderung, die Sorgfalt erforderten.

Europas Dombauhütten bieten ihre Hilfe und ihr geballtes Fachwissen an. "Der Verlust ist eine europäische Tragödie, als Europäer wollen wir die Hand reichen", sagte der Kölner Dombaumeister Peter Füssenich."