Krabbelnde Gefahr

Experten raten zur Zecken-Impfung – auch in Zeiten von Corona

Elena Kolb

Von Elena Kolb

Mi, 06. Mai 2020 um 11:50 Uhr

Panorama

Die Zeit der Pandemie lockt im Moment viele Menschen raus an die frische Luft. Doch nicht nur der Mensch ist dieser Tage besonders aktiv, auch die blutsaugenden Zecken liegen auf der Lauer.

Der gemeine Holzbock ist die Zecke, die in Deutschland am häufigsten vorkommt. Gefürchtet wird der Parasit vor allem wegen der Krankheiten, die bei einem Stich übertragen werden können. Im Darm der Zecken können Borreliose-Bakterien vorkommen und in ihrem Speichel FSME-Viren, welche die Krankheit Frühsommer-Meningoenzephalitis auslösen können. Mit anfangs grippeähnlichen Symptomen kann diese in den schlimmsten Fällen zu einer Gehirnentzündung und bleibenden Schäden bis hin zum Tode führen.

"Wenn ich dieser Tage in Baden-Württemberg, einem Hochrisikogebiet für FSME, nicht geimpft wäre, würde ich mich nicht mehr mit einem guten Gefühl raus in die Natur begeben"Sebastian Rauer
"Wenn ich dieser Tage in Baden-Württemberg, einem Hochrisikogebiet für FSME, nicht geimpft wäre, würde ich mich nicht mehr mit einem guten Gefühl raus in die Natur begeben", sagt Sebastian Rauer, Professor für Neurologie an der Uniklinik Freiburg. Er kann nicht nachvollziehen, wieso nur rund ein Drittel der Menschen in Baden-Württemberg geimpft ist. Die Angst vor schädigenden Nebenwirkungen sei nicht begründbar. "Die FSME-Impfung wird mit einem Totimpfstoff durchgeführt, der sehr gut verträglich ist." Auch eine aktuelle Umfrage des Pharmakonzerns Pfizer belegt: Jeder zweite Deutsche hatte bereits einen Zeckenstich, aber nur jeder Vierte sorgt durch Impfen vor.

Die Impfung wird in mehreren Schritten durchgeführt. Zwischen erster und zweiter Impfung sollten ein bis drei Monate liegen und dann nochmal rund neun Monate vergehen, bevor die dritte Impfung durchgeführt wird. Danach sollte die Impfung alle drei bis fünf Jahre wieder aufgefrischt werden. "Es lohnt sich zu jedem Zeitpunkt des Jahres, mit dem Impfen zu beginnen", betont Rauer. "Es ist davon auszugehen, dass schon nach der zweiten Impfung ein 90-prozentiger Schutz für die laufende Saison besteht."

"Die Anzahl der FSME-Erkrankungen hat nichts mit der Zeckendichte zu tun. In beiden Jahren gab es in Deutschland etwa ein gleiches Zeckenvorkommen" Ute Mackenstedt
2019 erkrankten laut Robert-Koch-Institut 157 Menschen in Baden-Württemberg an FSME. Im Jahr 2018 waren es 272. "Die Anzahl der FSME-Erkrankungen hat nichts mit der Zeckendichte zu tun. In beiden Jahren gab es in Deutschland etwa ein gleiches Zeckenvorkommen", sagt Ute Mackenstedt, die an der Universität Hohenheim zu den Parasiten forscht. In den vergangenen Jahren und auch Anfang 2020 seien aber mehr Zecken in Norddeutschland als in Süddeutschland gefunden worden, so Mackenstedt. Das liege wahrscheinlich daran, dass der gemeine Holzbock sich in feuchteren Gebieten wohler fühle.

Sebastian Rauer zufolge hat es in Baden-Württemberg 2020 erst zwei gemeldete FSME-Erkrankungen gegeben. "Das ist vergleichsweise wenig." Er geht davon aus, dass die lange Trockenperiode ein Grund dafür ist. Eine Tendenz für das ganze Jahr sieht er darin noch nicht.



Ute Mackenstedt erklärt sich die schwankenden FSME-Erkrankungszahlen auch mit dem Sozialverhalten der Menschen. Gerade deshalb empfiehlt Mackenstedt jetzt, wo viele Menschen das Bedürfnis haben, der heimischen Enge in die Natur zu entfliehen, besonders auf Zeckenschutz zu achten. Repellents wie Antibrumm oder Autan seien hilfreich, da sie den menschlichen Geruch überdecken. "Der gemeine Holzbock ist blind und kann seine Wirte nur über den Geruchssinn wahrnehmen", erklärt Mackenstedt.

Auch mechanisch kann man sich schützen, etwa in dem man lange Hosen trägt und die Hosenbeine in die Socke steckt. Hilfreich sei auch, in der Natur helle Kleidung zu tragen, um sich besser nach Zecken absuchen zu können, so Mackenstedt. Nach dem Aufenthalt in der Natur sollten besonders Körperstellen wie der Haaransatz, Ohren, Hals, Achseln, Ellenbeugen, Bauchnabel, Genitalbereich und Kniekehlen abgesucht werden, um Zecken schnell zu entfernen.

Hyalomma-Zecke kommt aus afrikanischen Trockengebieten nach Deutschland

Durch die klimatischen Veränderungen in Deutschland fühlen sich zunehmend auch invasive Arten hier wohl. Die relativ neu zugewanderte Hyalomma-Zecke etwa kam wohl mit Zugvögeln aus afrikanischen Trockengebieten nach Deutschland. Die Zecke kann Krankheitserreger übertragen, die das Zecken-Fleckfieber auslösen. Auch das Krim-Kongo-Fieber kann sie theoretisch übertragen, es wurden hierzulande aber noch keine Zecken entdeckt, die den Erreger in sich tragen. Außerdem sticht die Hyalomma-Zecke meist eher größere Wirte wie Pferde oder Rinder.

Um neuartige Zecken wie die Hyalomma oder die Braune Hundezecke zu untersuchen, arbeitet die Uni Hohenheim mit dem Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr in München und der Tierärztlichen Hochschule Hannover zusammen. Bei ihrer Forschung sind sie auf die Hilfe angewiesen: Bürger sind dazu aufgerufen, den Experten ungewöhnlich aussehende Zecken zu schicken .