Paris

Félicien Kabuga, Finanzier des Völkermords in Ruanda, ist verhaftet worden

Johannes Dieterich

Von Johannes Dieterich

Mo, 18. Mai 2020 um 14:30 Uhr

Ausland

Félicien Kabuga, einer der meistgesuchten Menschen der Welt, ist in der Nähe von Paris verhaftet worden. Wie konnte er sich 26 Jahre lang dem Zugriff entziehen?

Eine ganz normale Straße in der nordöstlich von Paris gelegenen Vorstadt Asnières-sur-Seine, langweilige Apartmentgebäude aus der Nachkriegszeit, wenig Verkehr. Doch noch im Dunkeln am frühen Samstagmorgen verwandelt sich das verschlafene Pflaster in ein Großeinsatzgebiet. Schwerbewaffnete Polizisten einer Spezialeinheit stürmen eines der grauen Häuser, wenige Minuten danach ist die Aktion erfolgreich beendet. Die französische Polizei hat einen der meistgesuchten Männer der Welt festgenommen: Den Ruander Félicien Kabuga, auf den die US-Regierung ein Kopfgeld von fünf Millionen Dollar ausgesetzt hat. Unscheinbar sei der 84-Jährige gewesen, sagt der Verwalter des Gebäudes dem TV-Sender Al Jazeera: Er lebe schon seit mehreren Jahren hier.

Kabuga sagt man nach, der Finanzier des ruandischen Völkermords gewesen zu sein. Dem Geschäftsmann wird vorgeworfen, den im April 1994 begonnenen Genozid, dem innerhalb von 100 Tagen mehr als 800 000 Menschen zum Opfer fielen, von langer Hand mit vorbereitet zu haben. Er baute Anfang der 1990er die radikale Hutu-Miliz Interahamwe ("Diejenigen, die zusammen kämpfen") auf, importierte 500 000 Macheten aus China, die bei der Ermordung der Tutsi und liberalen Hutu zum Einsatz kommen sollten und gründete den Sender "Libre de Milles Collines". Dessen Radioprogramm bereitete die Bevölkerung mit Hasstiraden gegen "die Kakerlaken" auf den Massenmord vor und gab später genaue Anweisungen zur Vollstreckung des Genozids.

Die Völkermörder wurden von der Rebellenarmee der Tutsi unter dem heutigen Präsidenten Paul Kagame vertrieben, mehr als zwei Millionen Hutu flohen aus ihrer Heimat. Die Mittellosen verzogen sich in das Nachbarland Kongo, Besserbetuchten wie Kabuga stand die Flucht nach Europa offen. Über die französische Botschaft floh er in die Schweiz. Als die internationale Gemeinschaft das Tribunal für Ruanda einsetzte, begann ein jahrzehntelanges Katz-und-Maus-Spiel mit dessen Ermittlern, das Kabuga immer wieder für sich entscheiden konnte. Ein ums andere Mal entkam er in letzter Minute, zweifellos war er stets vorgewarnt worden.

Für Lewis Mudge von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch ist die Freude über die Verhaftung daher von der Enttäuschung über die Pannen getrübt. Er fordert eine internationale Untersuchungskommission zu den Hintergründen des 26-jährigen Versagens.

Die Schweizer Behörden hatten 1994 den Asylantrag Kabugas abgelehnt, versäumten es jedoch, den des Völkermords Verdächtigen festzunehmen. Dieser zog zunächst in die kongolesische Hauptstadt Kinshasa weiter und dann nach Kenia, wo er den Schutz des damaligen Präsidenten Daniel arap Moi genießen konnte. Als ein womöglich mit dem FBI kooperierender kenianischer Ermittler Kabuga auf die Spur kam, wurde dieser entführt, gefoltert und ermordet. Der Ruander entkam auf die Komoren, war aber wenige Jahre später wieder in Europa. In Deutschland wie auch in Belgien und Frankreich entzog er sich einer Verhaftung rechtzeitig.

Anklage gegen Kabuga hatte das Tribunal bereits 1997 erhoben. Ihm wurden Völkermord sowie Beihilfe und Aufhetzung zum Völkermord in insgesamt sechs Fällen zur Last gelegt. Mit derselben Anklage wird er sich in den kommenden Tagen konfrontiert sehen, wenn er an den "International Residual Mechanism for Criminal Tribunals" nach Den Haag ausgeliefert wird – dem Nachlassverwalter des inzwischen abgewickelten Straftribunals für Ruanda. Der Prozess selbst wird vermutlich im tansanischen Arusha stattfinden, wenn es der Regierung in Kigali nicht gelingt, ihn nach Ruanda holen.

Dort, im Norden des Landes, wurde Kaguba am 19. Juli 1935 als Sohn armer Eltern geboren. Er arbeitete sich über den Verkauf von Zigaretten und gebrauchten Kleider allmählich zum reichsten Mann des Kleinstaats hoch. Bald hatte er Kaffee- und Teeplantagen sowie Fabriken und Hotels. Über die Heirat seiner elf Kinder knüpfte er Verbindungen zu der politischen Elite des Landes: Gleich zwei seiner Töchter heiraten zwei Söhne des damaligen Präsidenten Juvénal Habyarimana, dessen Flugzeugabsturz am 4. April 1994 den Völkermord auslöste.

Die Frage, warum er sich jahrelang ungestört in Paris aufhalten konnte, befeuert den Vorwurf des ruandischen Präsidenten Paul Kagame, wonach Paris schon von Anfang an hinter den Völkermördern gestanden habe. Tatsächlich lieferte Paris dem Habyarimana-Regime Waffen und setzte sich mit seiner Militärintervention "Operation Turquoise" während des Bürgerkriegs dem Verdacht aus, nicht etwa die Opfer, sondern die Täter des Genozids zu schützen. Emmanuel Macron sucht die Beziehungen zu Ruanda allerdings zu verbessern: Im vergangenen Jahr rief der Präsident eine Kommission ins Leben, die Frankreichs Verwicklungen in den Völkermord untersuchen soll.