Prozessauftakt in Amsterdam

Fall de Vries: Justiz hofft auf Einblicke ins Milieu der Drogenmafia

Peter Riesbeck

Von Peter Riesbeck

Mo, 18. Oktober 2021 um 19:10 Uhr

Panorama

Im Fall des ermordeten niederländischen Journalisten Peter R. de Vries beginnt in Amsterdam der Prozess. Die mutmaßlichen Täter sollen ihn auf offener Straße ermordet haben.

Für Kamil E. ist die Sache klar. "Ich hab keine Waffen gesehen", sagt der Gelegenheitsarbeiter am Montag vor Gericht in Amsterdam. Man habe ihm um einen Fahrerjob gebeten. Er habe noch gefragt, sei das seriös? "Ich hab nichts falsch gemacht", beteuert Kamil E. Die Staatsanwaltschaft sieht das anders. Nach ihren Ermittlungen soll sich E. für den Abend des 6. Juli sogar eigens ein falsches Alibi verschafft haben.

Die Fahnder sind sich sicher: Der 35-jährige E. soll an diesem Abend gemeinsam mit Delano G., ein 21-jähriger Rapper, den niederländischen Enthüllungsjournalisten Peter R. de Vries in Amsterdam auf offener Straße ermordet haben. De Vries – sein Motto: "Lieber stehend sterben als kniend leben" – hatte einen Kronzeugen im Prozess gegen Ridouan T. beraten, nach Ansicht der Ermittler der große Mann nicht nur im Amsterdamer Drogengeschäft. E. soll den Fluchtwagen gefahren haben. G. schweigt am Montag zum Prozessauftakt vor Gericht. Nur E. redet. Er sei sogar noch einmal um den Block gefahren, als man ihn auf ein Parkverbot aufmerksam gemacht habe, sagt E. Das war sein Verhängnis. Denn Zeugen notierten das Kennzeichen des Fluchtautos. Noch auf der Autobahn nach Rotterdam wurden E. und G. festgenommen.

"Ich war nicht zu schnell. Ich fuhr 100 Stundenkilometer. Ich musste aussteigen, mich auf den Boden legen. Und wusste nicht warum", sagt Kamil E. Für die Ermittler ist E. eher Beifang. Der Onkel des Mitangeklagten Delano G. wiederum soll ein Vertrauter von Ridouan T. sein. Und darum geht es in dem Prozess in Amsterdam eigentlich: um weiteres Belastungsmaterial gegen Ridouan T., der derzeit wegen anderer Delikte vor Gericht steht.

Im De-Vries-Prozess sind Zeugennamen deshalb anonymisiert. "Alles und jeder ist anonym. Selbst der Name des Untersuchungsrichters", zweifelte der Anwalt des Angeklagten ein prozedural-faires Verfahren an.

Der Mord an de Vries hatte weltweit für Aufsehen gesorgt. Und auch das Image der Niederlande beschädigt. Zuletzt waren sogar Sicherheitsmaßnahmen für den Premier Mark Rutte erhöht worden. Verdächtige Späher, die Lebensgewohnheiten potenzieller Opfer ausspähen, waren in seinem Umfeld gesehen worden. Unklar ist freilich, in wessen Auftrag diese gehandelt haben könnten. Von Drogenmafia und Terrorgruppen ist die Rede.

Die Niederlande sind längst zum wichtigen Umschlagplatz für Drogen geworden. Über die Häfen von Rotterdam und Antwerpen in Belgien kommen die Waren auf den europäischen Markt und südamerikanische Banden mit europäischen Kriminellen ins Geschäft. Von "Narco-State" schrieb die New York Times, auch der Spiegel rückte die Geschichte auf den Titel. Das Problem ist ernst. Nicht nur mit Blick auf die Drogenmafia. Auch mit Blick auf die Pressefreiheit. Nicht nur Ruttes Sicherheit wurde verschärft. Auch viele Polizeireporter in den Niederlanden leben seit dem Anschlag auf de Vries unter Polizeischutz. Kriminaljournalisten sind in den Niederlanden häufig investigativ unterwegs. Das hat Folgen. Vor drei Jahren wurde das Redaktionsgebäude der Kriminalzeitschrift "Panorama" mit einem Raketenwerfer beschossen. Im selben Jahr rauschte ein VW Caddy in die Eingangstür der Boulevardzeitung "De telegefraaf" und wurde in Brand gesteckt.