"Faszinierend wie am ersten Tag"

Andreas Strepenick

Von Andreas Strepenick

So, 31. Januar 2021

Radsport

Dominik Oswald, der Weltmeister der Trial-Biker aus Ettenheim, über die Liebe zu seinem Sport.

Sie blicken alle zu ihm auf, die vielen kleinen und größeren Talente des MSC Münstertal. Sie wollen werden wie er, zumindest fast so gut sein, furchtlos und ein Meister eines Sports, der es zumindest in der Ortenau schon zu einiger Bekanntheit gebracht hat.

Oswald, 23, ist Trial-Biker. Er hüpft, springt und balanciert mit einem Spezial-Rad über Hindernisse. Der Ettenheimer kann über Baumstämme balancieren, von Felsbrocken zu Felsbrocken hüpfen und von Paletten, die in schwindelerregender Höhe in den Fels eines Steinbruchs montiert sind. Sein Rad hat so gar nichts von den Fortbewegungsmitteln, wie wir sie kennen. Es hat keinen Sattel, keine Schaltung, keine Federung. Der Rahmen gibt keinen Millimeter nach, er ist stahlhart. Aber das hilft ihm, die Balance zu halten an den unmöglichsten Orten und seine Sprünge zu wagen.

"Mich begeistert jedes Mal aufs Neue, dass ich Hindernisse mit dem Fahrrad überwinden kann, die ein normaler Mensch zu Fuß niemals meistern könnte", sagte Oswald der Badischen Zeitung. "Ich schau mir ein Hindernis an und denke: Okay, zu Fuß ist das wahrscheinlich nicht möglich." Aber mit dem Fahrrad, da kann er es schaffen. "Das ist so faszinierend wie am ersten Tag."

Oswald lebt in Ettenheim, ganz im Süden der Ortenau, aber seine sportliche Heimat liegt noch ein paar Kilometer entfernt. Seit 14 Jahren trainiert er in einem alten, vor Jahrzehnten aufgegebenen Steinbruch hoch über Ettenheimmünster. Die Trial- und Mountainbike-Gruppe des MSC Münstertal hat dort eine Arena gebaut, die bundesweit ihresgleichen sucht. Hier finden Oswald und all die jungen Talente Hindernisse aller Schwierigkeitsgrade. Die Erfolge des Ettenheimers sorgten dafür, dass sich der Verein um den Nachwuchs keine Sorgen mehr machen muss. Oswald gewann zwei WM-Titel bei den Junioren und im November 2019 in der 20-Zoll-Elite-Klasse die Weltmeisterschaft in Chengdu, China. Er ist damit auch aktuell noch Titelträger in der Elite-Kategorie.

Gern hätte er seinen Titel verteidigt im vergangenen Jahr, aber die Corona-Pandemie pulverisierte seinen Wettkampfkalender. "Ein Wettkampf nach dem anderen wurde gecancelt", sagt er. Und auch im Jahr 2021 trainiert Oswald wie so viele andere Athletinnen und Athleten in Individualsportarten ins Ungewisse hinein. "Ich würde gerne eine ganze Saison fahren und das im WM-Trikot", sagt er. Der Verband erlaubt ausdrücklich, dass er es auch 2021 noch tragen darf. "Sollte eine Weltmeisterschaft stattfinden, werde ich natürlich alles geben." Termine für Weltcups seien bereits festgezurrt, aber ob sie tatsächlich stattfinden werden? Alles hängt ab von der Entwicklung der Corona-Pandemie.

Das WM-Trikot darf Oswald auch 2021 tragen

Als die WM 2020 ausfiel, war das erstmal wie ein Schlag ins Gesicht für den 23-Jährigen, der zuvor von Erfolg zu Erfolg geeilt war und kaum zum Verschnaufen kam. "Ich hatte für 2020 alles gegeben und wurde bitter enttäuscht." Das größte Problem sei gewesen, nach all den Absagen noch die Motivation aufrecht zu erhalten. "Es ist eben keine einfache Zeit." Aber dann arrangierte sich der Ortenauer mit der Situation, wie jeder das tun muss in diesen Monaten. Was bleibt ihm übrig? Er brachte Abwechslung in seinen Trainingsplan, setzte neue Reize. "Ich fahre jetzt auch mal Mountainbike und Rennrad, bin also nicht nur voll fokussiert auf Trial." Wo genau er sportlich steht, weiß er ohnehin nicht, solange jeder internationale Vergleich fehlt. "Also mache ich jetzt auch mal etwas anderes. Momentan komme ich damit ganz gut durch."

Obwohl er noch jung ist, arbeitet Oswald bereits an einer Karriere nach dem Sport. Schon jetzt ist er halbtags bei der Firma Herrenknecht als Industriemechaniker tätig – ein Unternehmen, das ihn auch in der wettkampflosen Zeit ebenso weiter unterstützt wie die Stiftung Deutsche Sporthilfe. "Längerfristig wird es wahrscheinlich so sein, dass ich die Techniker-Schule besuche. Der Sport wird dann nur noch an zweiter Stelle stehen."

Im Augenblick aber gibt er noch einmal alles fürs Trial-Biken. Ein paar tausend Mal war er schon oben in dem Steinbruch, sogar jetzt im Winter ist er dort. Mit etwas Glück können Spaziergänger dem Besten der Welt dort beim Training zuschauen.