USA

Flüsterkneipen erinnern an die Prohibition

afp

Von afp

Mi, 15. Januar 2020 um 20:03 Uhr

Panorama

In den USA entstehen heute Bars, die an die Flüsterkneipen während des kompletten Alkoholverbots vor 100 Jahren erinnern.

Vor 100 Jahren wurde in den USA der Alkohol verboten. Das veränderte das Land – nur ganz anders, als gedacht. Heute sind Speakeasies (Flüsterkneipen), die illegalen Bars aus der Prohibition, wieder im Nachtleben vieler Städte angekommen.

Nur wenige Blocks vom Weißen Haus in Washington entfernt eilen Juristen, Diplomaten und Lobbyisten am Feierabend nach Hause. Dass sie dabei an einer verborgenen Bar vorbeikommen, wissen sie offenbar nicht. Ins "The Mirror" gelangen nur Eingeweihte, wenn sie eine als Spiegel getarnte Tür öffnen. Der Vorraum wirkt mit seinen kahlen Wänden und dem "Zu vermieten"-Schild wie ein leerstehender Laden, es riecht nach Urin. Doch hinter der als Spiegel getarnten Tür verbirgt sich eine stilvolle Cocktail-Bar mit schummriger Beleuchtung. Das Lokal erinnert an die sogenannten Speakeasies, die zu Zeiten der Prohibition illegal Alkohol ausschenkten. Sie schossen in den USA vielerorts aus dem Boden, nachdem am 17. Januar 1920 der 18. Zusatzartikel der Verfassung in Kraft getreten war, der Herstellung, Verkauf und Transport von Alkohol komplett untersagte.

Unter Präsident Franklin D. Roosevelt wurde er 1933 als bislang einziger Verfassungsartikel in der US-Geschichte wieder gestrichen. "The Noble Experiment" (Das ehrenhafte Experiment) nahm mitten in der Großen Depression sein Ende.

Um die Speakeasy-Bars in den 1920er Jahren ranken sich viele Mythen. In Hollywood-Filmen wie "Road to Perdition" (Straße ins Verderben) von Sam Mendes bilden sie die Kulisse. Auch Jeff Coles und sein Kompagnon wollen als Betreiber von The Mirror "diesen großartigen Bars der Vergangenheit Tribut zollen", wie Coles sagt.

Nachdem es Anfang der 2000er Jahre in New York schon Bars gab, in die Gäste nur mit Passwörtern hereinkamen, haben sich die modernen Flüsterkneipen in den vergangenen Jahren zu einem wahrhaften Trend in einigen US-Städten entwickelt. "Es gibt eine Nostalgie nach den 1920er Jahren", sagt der Historiker Michael Walsh, Autor eines Buches über die Prohibition, in der Owl Bar (Eulenbar) in Baltimore. Die Bar des luxuriösen Belvedere Hotels ist wegen ihrer Alkoholpartys während der Prohibition legendär. Ihren Eingang schmückten zwei Eulenfiguren. Wenn diese blinzelten, war dies das Signal für Eingeweihte, dass eine neue Lieferung Alkohol eingetroffen und keine Polizei in der Nähe war.

Laut Walsh liegt die Bedeutung der Prohibition nicht nur in der Bekämpfung des bis dahin grassierenden Alkoholmissbrauchs und dessen sozialen Folgen. Oft wurden ihre Frauen zu Opfern der Sauferei, wenn diese ihren Job verloren oder gewalttätig wurden. Das totale Alkoholverbot habe auch viele andere Facetten der US-Kultur berührt wie etwa Religion und Politik, sagt der Historiker.

Die kurze Phase der Prohibition wirkt weiter an vielen Orten nach. Noch heute gibt es hunderte "trockene Bezirke" und "trockene Städte", in denen der Alkoholkonsum verboten oder eingeschränkt ist. Die meisten liegen im konservativ-religiösen Bible Belt (Bibelgürtel) im Südosten der USA. Das ist auch im Bezirk Moore im Bundesstaat Tennessee der Fall, wo dennoch die Whisky-Destillerie Jack Daniels ihren Sitz hat. Zudem gibt es bis heute in den USA die sogenannte Prohibition Party (Prohibitionspartei). Sie wurde 1869 gegründet. Sie will bei der US-Präsidentschaftswahl im November mit einem eigenen Kandidaten namens Phil Collins antreten. Der Namensvetter des britischen Sängers warnt vor der "schädlichen Wirkung" von Alkohol. Sie verursachten Krankheiten oder tödlichen Verkehrsunfälle. Sein Ziel ist, über die 5000 Stimmen seines Vorgänger bei der Wahl 2016 hinauskommen. Amtsinhaber Donald Trump kann Collins nicht gefährlich werden. Doch auch der US-Präsident rührt wegen des alkoholbedingten Todes seines älteren Bruders Fred keinen Tropfen Alkohol an.