BZ-Gastbeitrag

Flurfunk und Tratschkaffee

Kirsten Susanne Andrä

Von Kirsten Susanne Andrä

Mo, 20. Juli 2020 um 09:09 Uhr

Beruf & Karriere

Auch in Zeiten der Mega-Digitalisierung, ohne persönlichen Kontakt der Beschäftigten in der Arbeitswelt geht es nicht. "Menschen brauchen Menschen" schreibt Gastautorin Kirsten Susanne Andrä.

"Alles wirkliche Leben ist Begegnung." Dieser Satz des jüdischen Philosophen Martin Buber klingt wie ein aktueller Ruf in Richtung unserer Chefetagen, Personalabteilungen und Unternehmensberatungen.

In den deutschen Unternehmen mühen sich die Personalverantwortlichen aktuell redlich, die Folgen des Lockdowns in den Griff zu bekommen: Erfahrungen der Beschäftigten werden so gut wie möglich eingeholt und ausgewertet. Vor allem aber muss der entstandene finanzielle Schaden irgendwie aufgefangen oder abgemildert werden, meist durch Investitionsstopp, Aussetzen aller nicht gesetzlich vorgeschriebenen Fortbildungen, Verlängerung der Kurzarbeit oder Stellenabbau. Nicht selten muss die verbleibende Kernmannschaft ein deutlich erhöhtes Pensum bewältigen.

Viele Unternehmen versuchen naheliegenderweise auch, die Abläufe möglichst so umzugestalten, dass künftige ähnliche Krisen sie nicht mehr so hart treffen kön-nen. Schnell sind dabei auch Überlegungen im Gespräch, das Homeoffice von der Ausnahme zur Regel zu machen, Weiterbildungen vermehrt online anzubieten und Präsenzveranstaltungen so gut es geht abzubauen.

So verständlich dies ist: Es wird dem Wesen der meisten Menschen nicht gerecht. Natürlich lassen sich Dienstreisen um den halben Erdball häufig sinnvoll durch Videokonferenzen ersetzen. Auch das Homeoffice hat, gezielt und dosiert eingesetzt, seine Berechtigung. Schließlich bietet es in manchen Fällen überhaupt erst die Möglichkeit, ungestört über einen längeren Zeitraum an einer schwierigen Aufgabe zu arbeiten. Auch Online-Seminare können, wenn es um reine Wissensvermittlung geht, sicher für manche Lerntypen gute Dienste leisten. Aber das war es dann auch schon.

Menschen brauchen den Kontakt zu Menschen aus Fleisch und Blut, um motiviert zu sein, sich inspirieren zu lassen, Sinn und Zusammenhalt zu empfinden, sich wertgeschätzt zu fühlen, sich mit der Arbeit und dem Unternehmen zu identifizieren, ihre Stärken zu entwickeln und langfristig gesund und leistungsfähig zu bleiben. Dieser Kontakt schließt alle Sinne ein: Den gemeinsam genossenen Kaffeeduft ebenso wie den Händedruck oder das Schulterklopfen, den Blick in vertraute Augen und den Klang der Stimme oder das gemeinsam eingenommene Mahl in der Kantine oder beim Mittagstisch um die Ecke.

Befragte Schüler und Schülerinnen sagten denn auch ganz überwiegend deutlich, dass sie während des Lockdowns, nach anfänglichem Feriengefühl, die Schule und dort vor allem den persönlichen Kontakt zu ihren Mitschülern und meist auch den Lehrern vermisst oder sehr vermisst haben. Auch Erwachsene, die das Homeoffice in den ersten zwei Wochen noch genossen haben, weil sie weder unter beengten Verhältnissen noch unter Doppelbelastungen wie parallelem Hausunterricht litten, merkten überwiegend nach ein paar Wochen, dass ihnen etwas Wichtiges fehlte.

Dies sind wichtige Erkenntnisse, die bei der Planung und Neuausrichtung von Arbeitsprozessen unbedingt berücksichtigt werden sollten. Nicht nur unter Effizienzaspekten, sondern auch unter dem Gesichtspunkt der psychischen Gesundheit von Beschäftigten.

Wer sich einmal fragt, bei welchem Lehrer, bei welcher Professorin oder welchem Ausbilder er am meisten gelernt hat, wird vermutlich zu dem Schluss kommen, dass dies auch oder in erster Linie mit der Persönlichkeit dieser Lehrkraft zu tun hatte: Es war jemand, der die Schüler, Azubis oder Studentinnen gemocht, ihre Stärken erkannt, sie individuell gefördert, sich für ihre Ansichten interessiert und Humor gezeigt hat. Eine Person, die wirklich auf ihr Gegenüber eingeht, bei aller professionellen Distanz auch nahbar und authentisch ist, den Unterrichtsstoff nicht nur vorträgt, sondern verkörpert. Solche Lehrer und Dozentinnen sind durch kein Online-Seminar ersetzbar.

Kirsten S. Andrä ist seit 2006 als Coach, Gehirntrainerin, Stressmanagement-Expertin und Organisationsentwicklerin in eigener Praxis tätig. Sie coacht Führungskräfte, hält Vorträge und Seminare zu den Themen Resilienz, Gehirnfitness, Single-Tasking und
Kommunikation in Wirtschaftsunternehmen und Verwaltung. Weitere Informationen unter
http://www.andrae-coaching.de