Neurologie

Forscher hoffen bei Parkinson auf Immuntherapien

dpa

Von dpa

Do, 11. April 2019 um 15:24 Uhr

Gesundheit & Ernährung

Innerhalb einer Generation hat sich die Zahl der Parkinson-Patienten verdoppelt. Forscher hoffen, dass eine Immuntherapie die Krankheit in Zukunft bekämpfen könnte.

Immer mehr Menschen erkranken an Morbus Parkinson. Innerhalb einer Generation habe sich die Zahl der Parkinson-Patienten mehr als verdoppelt, berichten Forscher um Ray Dorsey von der University of Rochester (US-Staat New York): von 2,5 Millionen im Jahr 1990 stieg die Zahl auf 6,1 Millionen im Jahr 2016, schrieben sie im vergangenes Herbst im Fachblatt The Lancet Neurology. Männer sind demnach um den Faktor 1,4 häufiger betroffen als Frauen. In Deutschland sind verschiedenen Schätzungen zufolge zwischen 200.000 und 400.000 Menschen erkrankt.

"Parkinson ist weltweit die am schnellsten zunehmende neurologische Erkrankung", sagt Lars Tönges vom St. Josef-Hospital der Ruhr-Universität Bochum (RUB). Der Bochumer Experte erklärt die Entwicklung insbesondere mit der weltweit zunehmenden Lebenserwartung, mit der besseren Diagnosestellung und mit der Tatsache, dass die Patienten dank besserer Behandlungen länger leben.

In China stieg die Zahl der Patienten besonders stark

Ob zusätzlich Umweltfaktoren eine große Rolle spielen, ist unklar. Die Forscher um Dorsey vermuten das und verweisen auf die Situation in China: Dort stieg die Zahl der Patienten – parallel zur Industrialisierung – von 1990 bis 2016 besonders stark. Als wahrscheinlich gilt etwa, dass beispielsweise Pestizide das Erkrankungsrisiko erhöhen.

"Falls die berichtete Verdoppelung der Patientenzahl von 1990 bis 2016 zutrifft, können wir erwarten, dass der Trend in den kommenden knapp 30 Jahren weitergeht", mahnt der Epidemiologe Walter Rocca von der Mayo Clinic in Rochester (US-Staat Minnesota) in einem Lancet-Kommentar. "Eine eher konservativ eingeschätzte Verdoppelung der Patientenzahl für die nächsten 30 Jahre käme dann auf mehr als zwölf Millionen Patienten weltweit bis etwa 2050." Ob man diese Entwicklung stoppen könne, so betont Rocca, hänge insbesondere von neuen Therapien ab.

Parkinson und Alzheimer haben viele Parallelen

Sowohl bei Alzheimer als auch bei Morbus Parkinson ruhten die größten Hoffnungen von Ärzten und Patienten auf einem neuen Behandlungsansatz, der erstmals auf die Ursachen abzielt: den sogenannten Immuntherapien.

Alzheimer und Parkinson haben viele Parallelen: Es sind die wichtigsten neurodegenerativen Erkrankungen, beide sind bislang unheilbar, bei beiden gelten Protein-Verklumpungen im Gehirn als zentrale Ursache. Bei den Immuntherapien sollen speziell entworfene Antikörper an die verklumpenden Proteine binden, sie aus dem Gehirn entfernen und so Nervenzellen retten.

Publikationen im Fachblatt Nature 2016 hatten die Hoffnung geweckt, dass ein neuer Antikörper die schädlichen Protein-Plaques bei der Alzheimer-Krankheit tatsächlich aus dem Gehirn entfernt und so Symptome mindert. Umso größer war der Schock, als die Firmen Biogen und Eisai im März zwei Zulassungsstudien zur Alzheimerkrankheit abbrachen. Der Grund: fehlende Aussicht auf Erfolg. "Das war eine große Enttäuschung für die ganze Neurologie", so Tönges.

Hoffnung bei Parkinson: Die Immuntherapie

Trotz der abgebrochenen Alzheimer-Studien hoffen Experten auf Erfolge der Antikörper-Therapie bei Parkinson. Dafür sprechen mehrere Gründe. Während als Ursache der Alzheimer-Krankheit zwei Eiweiße diskutiert werden, ist es bei Parkinson nur eines: Alpha-Synuclein. Dieses Protein, dessen Funktionen noch nicht umfassend geklärt sind, spielt bei der Kommunikation von Nervenzellen eine zentrale Rolle.

Vieles deutet darauf hin, dass fehlgefaltete Formen des Proteins sich im zentralen Nervensystem zwischen Zellen ausbreiten, Nervenzellen zerstören und so die Krankheit mit den typischen Symptomen wie Zittern, Muskelsteifheit und Bewegungsstörungen auslösen.

Zwar ist nicht zweifelsfrei bewiesen, dass Alpha-Synuclein die Ursache der Parkinson-Krankheit ist, aber: "Es spricht alles dafür, dass Alpha-Synuclein ein zentraler Angriffspunkt für die Therapie ist", sagt Günter Höglinger von der Neurologischen Klinik der Technischen Universität München. Tönges stimmt zu: "Es gibt eine klare Assoziation zwischen Parkinson und Alpha-Synuclein. Derzeit gibt es eine Aufbruchsstimmung, weil wir mit Immuntherapien gegen Alpha-Synuclein bei Parkinson zum ersten Mal einen ganz neuen Ansatz untersuchen."

In Phase 1 einer Studie war der Impfstoff wirksam

Die Hoffnungen richten sich momentan hauptsächlich auf zwei internationale Studien mit passiven Impfungen, also Impfungen, die Antikörper enthalten. In der Pasadena-Studie prüft der Konzern Hoffmann-La Roche den Antikörper Prasinezumab. Eine Phase-1-Studie an 90 Patienten hatte bereits gezeigt, dass der Wirkstoff beim Menschen sicher ist und die Synuclein-Werte im Blut senkt. Das berichteten Forscher um Joseph Jankovic vom Baylor College of Medicine in Houston voriges Jahr im Fachblatt JAMA Neurology. Die jetzige Phase-2-Studie untersucht an rund 300 Patienten, die Parkinson im Frühstadium haben, auch die Wirksamkeit. In etwa 45 Zentren weltweit – darunter die Neurologische Klinik der Technischen Universität München – bekommen die Teilnehmer den Wirkstoff alle vier Wochen intravenös per Infusion verabreicht. Nach 52 Wochen wird dann geprüft, ob die Krankheit gebremst, gestoppt oder sogar gebessert wurde.

Bei der Spark-Studie untersucht die US-Firma Biogen ebenfalls in einer internationalen Phase-2-Studie an 300 Patienten den Nutzen eines anderen Antikörpers, BIIB054. Höglinger, dessen Team an beiden Studien teilnimmt, erwartet für die etwas weiter fortgeschrittene Pasadena-Studie Resultate bis Mitte 2020. Auch wenn die Therapien das Fortschreiten der Krankheit nur bremsen würden, wäre dies schon ein großer Erfolg: Es würde nicht nur Patienten helfen, sondern auch bestätigen, dass die Immuntherapien grundsätzlich funktionieren.

Neurologe warnt vor überzogenen Hoffnungen

Einen anderen Ansatz, eine aktive Parkinson-Impfung, verfolgt die österreichische Firma Affiris seit einigen Jahren: In einer Serie von Phase-1-Studien hat das Unternehmen Impfstoffe getestet, die den Körper anregen sollen, selbst Antikörper gegen Alpha-Synuclein zu bilden. Affiris strebt nach eigenen Angaben den Start einer Phase-2-Studie für 2020 an.

Der Bochumer Neurologe Lars Tönges warnt allerdings vor überzogenen Hoffnungen, was die Immuntherapien bei Parkinson angeht: "Es gibt beim Menschen bisher noch keine Daten dazu, ob eine Reduktion des Alpha-Synucleins die Symptome bessern kann. Deshalb ist eine gewisse Vorsicht angebracht."