Waldbrände

Forstwissenschaftler: Früher hat man mit Waldbränden in Süddeutschland nicht gerechnet

Fabian Klask

Von Fabian Klask

So, 07. August 2022 um 11:05 Uhr

Südwest

Es brennt auch in Südbaden immer häufiger im Wald. Alleine in diesem Jahr gab es mehr Brände als in den Jahren zuvor. Forstwissenschaftler Ulrich Schraml erklärt, wie ein Wald geschützt werden kann.

BZ: Herr Schraml, Sie haben Anfang der 90er-Jahre Forstwissenschaften studiert. Waren Waldbrände da überhaupt ein Thema?

Schraml: Wir waren damals zu Exkursionen im Mittelmeerraum und in Brandenburg unterwegs. Uns war klar, in den Kiefernregionen dort sind Waldbrände ein Thema. Wir sind damals aber nicht auf die Idee gekommen, dass wir mal in den Mittelgebirgen oder in Süddeutschland eine echte Waldbrandgefahr haben werden.

BZ: So ist es gekommen. Auch in Südbaden ist die Waldbrandgefahr hoch. Doch Regionen wie Brandenburg bleiben besonders betroffen. Woran liegt das?

Schraml: Die sehr sandigen Böden, die das Wasser nicht gut speichern, sind ein spezielles Problem der Region. Man sieht dort aber grundsätzlich, wie der Klimawandel das Brandrisiko erhöht. In Brandenburg fällt besonders wenig Regen und mit der Kiefer hat man einen Baum, der zwar an die dortigen Bedingungen angepasst ist, aber auch ein hohes Feuerrisiko mit sich bringt.

Nadelbäume enthalten viele ätherische Öle. Die wirken wie Brandbeschleuniger

Die Kiefernwälder sind sehr licht, so kann Gras zwischen den Bäumen wachsen, das in der Trockenheit leicht brennt. Und Nadelbäume enthalten viele ätherische Öle. Die wirken wie Brandbeschleuniger.

BZ: Ist dieser Sommer statistisch besonders auffällig?

Schraml: Die Sommer sind seit Jahren durch Hitzeextreme und Dürre gekennzeichnet. 2003 spürte man es deutlich. 2018, 2019 und 2020 waren besonders trocken. In diesem Jahr aber haben wir schon jetzt mehr Waldbrände als in den Jahren zuvor.

BZ: Als Student hätten sie nicht gedacht, dass der Südwesten mal zur Waldbrandregion wird, sagten Sie. Was hat sich verändert?

Schraml: Schauen Sie auf die Buchenwälder in der Rheinebene. Für uns war damals klar: Buchenwälder brennen nicht so schnell. Das ist auch der Fall, wenn sie intakt sind. Dann geben sie viel Schatten und halten gut die Feuchtigkeit im Boden. Das sind eigentlich dunkle Wälder mit wenig Bodenvegetation.

BZ: Was ist passiert?

Schraml: Die Buchenwälder verändern sich. Wenn man die A5 hochfährt, dann sieht man rechts und links immer mehr Wälder mit absterbenden Buchen. Dadurch fällt viel Licht auf den Boden, da wächst plötzlich Gras. Auch das Buchenlaub trocknet schnell aus und es fallen trockene Äste zu Boden. In der Situation können auch Buchenwälder brennen. Es ist der Klimastress, der sie angreifbar macht für die Flammen.

BZ: Können sich die Bäume selbst schützen?

Schraml: Sie versuchen es. Es ist ja nicht allein die klimawandelbedingte Trockenheit, wir entnehmen gerade im Rheingraben ja auch erhebliche Mengen Grundwasser. Die Buchen können kaum Wasser ziehen und starten ein Überlebensprogramm. Das lässt sich gerade an vielen Orten in Südbaden beobachten. Damit weniger Feuchtigkeit verdunstet, rollen sie ihre Blätter ein oder werfen sie ganz ab und verabschieden sich von Ästen. So versucht sich der Baum, über die Durststrecke zu retten. Dieses Programm ist eigentlich faszinierend und traurig zugleich. Am Ende liegen trockenes Laub und totes Holz als Brennmaterial auf dem Boden.

BZ: Im Schwarzwald ist die Waldbrandgefahr weniger dramatisch?

Schraml: Ja und nein. Die klimatischen Bedingungen sind anders als in der Ebene – das hilft ein wenig. Aber auch bei uns ist keine Region mehr von diesem Risiko ausgenommen. Es kann auch in 1000 Metern Höhe brennen. Schauen Sie auf die Waldbrandgefahrenkarten des Deutschen Wetterdienstes: Da ist momentan auch im Schwarzwald sehr viel rot zu sehen – ein sehr hohes Risiko also. Früher konnte man noch sagen, nach der Schneeschmelze, wenn das trockene Gras zum Vorschein kommt, und im Frühsommer ist die Gefahr hoch. Jetzt gilt das den ganzen Sommer durch.

BZ: Gehörte Feuer nicht schon immer zum Wald – und zum Leben mit dem Wald?

Schraml: Feuer wurde aktiv genutzt, ganz klar. Auch im Schwarzwald wurde Feuer eingesetzt, um Landschaft zu gestalten und in der nährstoffreichen Asche etwas anzubauen. Feuer gehört zu vielen Waldökosystemen. Und auch bei uns kann sich verbrannter Wald von selbst regenerieren – aber so locker können wir das heute nicht mehr sehen.

BZ: Warum?

Schraml: Wir brauchen gerade jetzt den Wald als CO2-Speicher. Und selbst wenn man die Siedlungen schützt, dann vernichtet das Feuer wirtschaftliche Werte: Das Holz soll ja auch verarbeitet werden. Und ein Spaziergang macht im abgebrannten Wald auch keinen Spaß. Wir müssen die Wälder vor Feuer schützen.

BZ: Was lässt sich kurzfristig tun, um die Waldbrandgefahr zu senken?

Schraml: Im Vordergrund steht momentan die bessere Abstimmung zwischen Forst und Feuerwehr. Die gemeinsame Analyse der Risiken und das gemeinsame Vorbereiten für den Ernstfall. Und natürlich braucht es auch ein paar technische Voraussetzungen, aber eher leichteres Werkzeug zum schnellen und flexiblen Einsatz vor Ort. Und dann muss man auch über die Taktik nachdenken. In Deutschland setzen wir immer alles in Bewegung, um schnell Löschwasser in den Wald bekommen, wenn es brennt. In den USA geht man anders vor: Da wird dem Feuer möglichst vorher an gefährdeten Stellen die Nahrung genommen: Herumliegendes Holz wird kontrolliert abgebrannt, es werden Schneisen in den Wald geschlagen, wo die Flammen nicht weiterkämen. Also eher eine der Dürre entsprechende trockene Herangehensweise.

BZ: Langfristig müssen die Wälder komplett umgebaut werden?

Schraml: Momentan sind sie auf die häufigeren Trockenphasen und das hohe Brandrisiko nicht vorbereitet. Wir müssen weg von reinen Nadelwäldern. Es braucht mehr Laubbäume in den Nadelwäldern – eine bessere Mischung.

BZ: Wie hilft das gegen Waldbrände?

Schraml: Laubbäume brennen schlechter. Ein Nadelbaum behält etwa auch seine toten Äste am Stamm. Wenn es brennt, können die Flammen schnell die Krone erreichen. Das ist bei einem Laubbaum nicht so.

BZ: Haben Sie einen klimaangepassten Lieblingsbaum?

Schraml: Nein, nein. Dann wären wir schon wieder auf dem Weg zum Reinbestand. Wir müssen das Risiko streuen. Unter den Nadelbäumen kommt die Douglasie besser mit der Trockenheit zurecht als andere Bäume, aber wir brauchen auch weiter unsere Buchen. Wir experimentieren mit Buchen aus Regionen südlich der Alpen, wo sich die Bäume der Trockenheit besser angepasst haben. Eine große Palette bislang wenig beachteter heimischer Baumarten hilft uns jetzt bei den neuen Herausforderungen.

BZ: Welche sind das?

Schraml: Der Spitzahorn und die Elsbeere zum Beispiel – auch Eichen und Esskastanien sehen momentan noch sehr proper aus. Sie kommen mit der Hitze besser zurecht. Das müssen wir nutzen.

Ulrich Schraml ist seit 2019 Direktor der Forstlichen Versuchsanstalt in Freiburg. Zuvor hat er dort die Abteilung für Wald und Gesellschaft geleitet.


Mehr zum Thema: