Coronavirus

Franzosen fürchten Grenzschließung und kaufen in Breisach ein

Nicolai Kary, Sophia Hesser, Jannik Jürgens, Manfred Frietsch

Von Nicolai Kary, Sophia Hesser, Jannik Jürgens & Manfred Frietsch

Do, 15. Oktober 2020 um 18:15 Uhr

Südwest

Französische Nachbarn sind am Donnerstag nach Breisach und Neuenburg geströmt, um einzukaufen. Der Bundestagsabgeordnete von Marschall forderte, Tagesbesuche weiter zu gestatten.

Medienberichte vom Mittwoch haben im Elsass für Aufregung gesorgt. Es hieß, die Region Grand Est werde von Deutschland in Kürze als Risikogebiet eingestuft. Etliche Elsässer befürchteten, dass sie danach nicht mehr zum Einkaufen über die Grenze fahren könnten – und machten genau das. In Breisach und Neuenburg bildeten sich lange Schlangen vor Tabakläden und Tankstellen. Donnerstagabend erklärte die Bundesregierung dann ganz Frankreich zum Risikogebiet. Die Regelung gilt ab Samstag.

Die Befürchtung im Elsass
Der Radiosender France Bleu veröffentlichte am Mittwochabend einen Text, der sich schnell in den sozialen Netzwerken verbreitete. Auch, weil zwei große Verkehrskanäle ihn geteilt hatten. Laut Radiosender soll das Elsass als Risikogebiet eingestuft werden. Für Elsässer, die nach Südbaden wollten, hätte das zur Folge, dass sie sich 14 Tage in Quarantäne begeben und einen Corona-Test machen müssten. Einkaufen und Freizeitaktivitäten im Nachbarland wären für Franzosen nicht mehr erlaubt, so der Text. Für Pendler sollen Ausnahmeregelungen gelten. Stationäre Grenzkontrollen wie im Frühjahr seien nicht angedacht.

"Wir wollen noch einmal Tanken gehen, weil es in Deutschland günstiger ist." Maurice Schaff aus Ribeauvillé

Viele Franzosen in Supermärkten
Etliche Franzosen fuhren am Donnerstag über die Grenze, um einzukaufen. Am Breisacher Grenzübergang stauten sich die Autos Richtung Deutschland. Lange Schlangen bildeten sich auch am Tabak-Point und der Tankstelle Europoint vor der Rheinbrücke. "Wir wollen noch einmal Tanken gehen, weil es in Deutschland günstiger ist", sagte Maurice Schaff aus Ribeauvillé. "Ich habe gehört, dass ich morgen Abend nicht mehr über die Grenze komme, es ist ungewiss, wie lange der Zustand anhalten wird", erklärte Ariane Arnould, während sie vorm Tabak-Point anstand, um sich mit Zigaretten einzudecken. Zwar war es am Breisacher Edeka-Markt am Donnerstagvormittag noch relativ ruhig, aber auch hier kam es vereinzelt zu Hamsterkäufen. Sie wolle noch schnell Hundefutter und Lebensmittel kaufen, weil es in Deutschland günstiger sei, erläuterte beispielsweise die aus Duisburg stammende Edith Bär, die seit 27 Jahren in Biesheim wohnt. Viele Elsässer deckten sich in den Breisacher Drogeriemärkten mit Waren ein.

Auch in Neuenburg waren am Donnerstag auffällig viele Franzosen unterwegs. Von Frankreich her wälzten sich am Morgen und noch am Mittag zahlreiche Autos mit französischem Kennzeichen – dicht an dicht – über den Grenzübergang Richtung Max-Schweinlin-Straße in Neuenburg, wo es einige ohnehin bei Franzosen beliebte Supermärkte gibt. Auf deren Parkplätzen war viel los, voll beladene Einkaufswagen mit Mehl oder Hygieneartikeln wurden zu den Autos geschoben.

Chaos an Grenze vermeiden
"Chaotische Zustände" wie bei der plötzlichen Grenzschließung im März dürften sich nicht wiederholen, erklärt der CDU-Bundestagsabgeordnete Matern von Marschall. Er schlägt deshalb vor, schon jetzt eine für Anfang November vorbereitete Musterverordnung des Bundes und der Länder um zusetzen. Diese sieht vor, dass bei der Ausweisung eines Risikogebietes im benachbarten Ausland dennoch der Verkehr über die Grenze geöffnet bleiben soll. Dies soll für Grenzgänger gelten, die weniger als 24 Stunden in einem Risikogebiet waren oder die für weniger als 24 Stunden ins Bundesgebiet einreisen. Diese Personen sollten von einer Quarantäne oder dem Nachweis eines negativen Coronatests ausgenommen werden.

In einem Brief an den Gesundheitsminister des Landes, Manfred Lucha, bittet von Marschall dringend darum, diese Regelung sofort umzusetzen. Höchste Eile sei geboten, weil das Elsass ab Samstag als Risikogebiet eingestuft werde.

Landrätin Dorothea Störr-Ritter verwies auf eine entsprechende BZ-Anfrage auf Aussagen der Verantwortlichen auf Bundes- und Landesebene, die betonten, dass eine Grenzschließung nicht mehr in Frage kommen solle.

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Südlicher Oberrhein befürchtet, dass stichprobenartige Kontrollen Berufspendler vor Herausforderungen stellen könnten. "Wir hoffen, dass diese Kontrollen keine so langen Wartezeiten auf sich ziehen, wie wir sie bei den Grenzschließungen im Frühjahr hatten", sagte Geschäftsführer Dieter Salomon. Laut IHK arbeiten etwa 12 000 französische Pendler in Betrieben am südlichen Oberrhein.