Interview

Kann Googles Quantencomputer wirklich die Welt verändern?

Jens Kitzler

Von Jens Kitzler

Mo, 21. Oktober 2019 um 11:21 Uhr

Computer & Medien

Der Sonntag Ganz sicher weiß es niemand – aber Google könnte gängige Superrechner in den Schatten gestellt haben. Der Freiburger Professor Andreas Buchleitner erklärt, welche Folgen das haben könnte.

Wird der Quantencomputer die Welt verändern, wie man es dieser Technologie ja nachsagt? Wir fragten Professor Andreas Buchleitner vom Lehrstuhl für Quantenoptik und -statistik an der Universität Freiburg.

BZ: Herr Buchleitner, haben Sie das Google-Dokument, das da auf mysteriöse Weise kurz über Kanäle der Nasa im Netz zu sehen war und dann wieder verschwunden ist?

Buchleitner: Ich habe es und kenne es auch einigermaßen. Wir hatten ja kürzlich erst die Herbsttagung der deutschen Physikalischen Gesellschaft in Freiburg, da wurde das natürlich auch diskutiert.

BZ:Hat Sie der Inhalt des Papiers überrascht?

Buchleitner: Nicht wirklich. Es ist natürlich schon länger bekannt, dass Google in dieser Richtung forscht. Die großen Player aus der Industrie – Google, Microsoft, IBM – haben sich alle große Forschungsabteilungen geleistet, um zu sehen, was im Quantencomputing möglich ist.

"Das Spiel, das Google und Nasa jetzt spielen – etwas zu ’leaken’, um einen Hype zu erzeugen –, ist nicht sehr seriös." Andreas Buchleitner
BZ: Und der Stand, den Google erreicht zu haben scheint?

Buchleitner:Was da durchgesickert ist, zeigt uns noch nicht wirklich, auf welchem Stand man dort ist. In der klassischen Wissenschaft läuft es so: Wissenschaftler behaupten etwas, dann ist die Fachwelt eingeladen, das anhand offengelegter Daten kritisch zu überprüfen. Das Spiel, das Google und Nasa jetzt spielen – etwas zu "leaken", um einen Hype zu erzeugen –, ist nicht sehr seriös.

BZ:Sie vermuten, dass die das absichtlich durchsickern ließen?

Buchleitner: Ich will nicht spekulieren – aber das sind ja keine Chorknaben. Dahinter stecken harte wirtschaftliche Interessen. Sollte es einst richtige Quantencomputer geben, dann sind sie in der Lage, gängige Verschlüsselungssysteme zu knacken. Deswegen sind Militärs und Banken daran interessiert und Firmen, die mit großen Datenmengen umgehen.

BZ: Können Sie einem Laien in vier, fünf Sätzen erklären, was ein Quantencomputer ist?

Buchleitner: Angenommen, Sie gehen durch einen Park, Ihr Weg verzweigt sich und jeder Weg führt zu einer weiteren Abzweigung. Am Ende stellen Sie fest, dass Sie irgendwo Ihren Schlüssel verloren haben. Um ihn zu suchen, müssen Sie nun an jeder Verzweigung erst den einen und dann den anderen Weg gehen. Das dauert, denn mit jeder Abzweigung multipliziert sich die Zahl der Wege ja. Die Quantenmechanik dagegen erlaubte Ihnen, an jeder Verzweigung gleichzeitig den einen und den anderen Weg zu gehen. Sie laufen also einmal durch den Park und sind trotzdem an jeder Stelle gewesen.

BZ: Bislang hieß es, es werde noch Jahrzehnte dauern, bis die Technologie praxistauglich werde. Ändert die Google-Meldung daran etwas?

Buchleitner: Was die bei Google vollbracht haben, ist sicherlich ein sehr gutes Experiment. Es sind auch wirklich gute Leute, die der Konzern eingekauft hat, die wissen, was sie tun. Aber aus wissenschaftlicher Sicht bestätigen lässt sich der Erfolg noch nicht. Eine entscheidende Frage ist: Wie viele von diesen Quantenbits laufen wirklich synchron? Es gibt viele hervorragende Kollegen in Europa, die nur daran arbeiten, eine kleine Zahl von Qubits synchron laufen zu lassen und nachweisen zu können, dass sie das auch wirklich tun. Das ist extrem schwierig.

BZ: Und wenn nun jemand behauptet, er könne das mit gleich 53 Qubits ...

Buchleitner: ...dann muss er mir das erstmal zeigen. Man muss solche Meldungen mit Vorsicht genießen. Wissenschaftler sind ja eigentlich der Wahrhaftigkeit verpflichtet. Wenn Sie allerdings Wissenschaft mit finanziellen Vorteilen verknüpfen, ändern sich die Rahmenbedingungen. Google hat natürlich viel mehr Geld als Universitäten und finanziert das aus der Portokasse.

"Man muss natürlich auch sehen, dass Google mit seinen Allmachtsphantasien ein problematischer Konzern ist." Andreas Buchleitner
BZ: Glauben Sie, dass diese enorme Finanzmacht von Google die klassische Wissenschaft irgendwann ins Abseits stellt?

Buchleitner: Nein, da bin ich optimistisch. Auf Dauer lebt die Wissenschaft von schlauen Studenten, und die haben wir in den Hochschulen. Mit Geld kann man nicht alles kaufen. Und viele von den besonders Begabten lassen sich gerade nicht kaufen. Die merken schnell, ob es dem potenziellen Arbeitgeber um Erkenntnis geht oder nur darum, ein neues Produkt an den Mann zu bringen.

BZ: Aber es ist doch reizvoll, für das nächste Experiment nicht 18 Anträge stellen zu müssen, sondern aus dem Vollen schöpfen zu können.

Buchleitner: Da haben Sie recht. Ich habe auch mal mit Mitarbeitern von Google gesprochen. Es ist wirklich reizvoll. Die stellen einem ein Labor hin, man hat wahnsinnig gute Arbeitsmöglichkeiten und lebt an der Westküste der USA. Aber man muss natürlich auch sehen, dass Google mit seinen Allmachtsphantasien ein problematischer Konzern ist.

BZ: Werden Quantencomputer wirklich die Welt verändern?

Buchleitner:Der Quantencomputer kann bei Fragestellungen ansetzen, für die Datenmengen zu verarbeiten sind, die wir derzeit nicht bewältigen. Wir verstehen immer noch nicht genau, wie Leben funktioniert oder das Gehirn. Ein Quantencomputer könnte uns helfen, chemische Reaktionen besser zu verstehen. Und was man versteht, kann man dann auch kontrollieren. Damit könnte man Moleküle basteln, die eine bestimmte Wirkung haben, und so Medikamente entwickeln. Welche Möglichkeiten der Quantencomputer bieten kann, ist offen – dafür fehlt uns vermutlich im Moment noch die Phantasie... Wichtig ist, dass wir darauf eingerichtet sind, sie intelligent und zivilisiert zu nutzen.

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