Ein nimmermüder Professor

Karl-Heinz Leven

Von Karl-Heinz Leven

Sa, 20. April 2019

Kultur

Eduard Seidler, langjähriger Ordinarius des früheren Instituts für Geschichte der Medizin an der Universität Freiburg, wird 90.

Lange Jahre hat er in Freiburg ein Fach vertreten, das es heute so nicht mehr an der Universität gibt: die Geschichte der Medizin. Dabei hatte unter Eduard Seidlers Leitung das Institut für Geschichte der Medizin sich einen internationalen Ruf erworben. Einen besonderen Schwerpunkt in der wissenschaftlichen Arbeit des Ordinarius Seidler bildeten dabei die Fakultätsgeschichte und die Medizin in der NS-Zeit. 1989 legte er eine überzeugende Geschichte der Medizinischen Fakultät Freiburg vor, die 2007 in aktualisierter Neuauflage erschien. Das Buch setzte Maßstäbe und wurde an vielen Fakultäten als Vorbild herangezogen.

An die Stelle der Medizingeschichte ist heute an der Freiburger Universität die Medizinethik getreten – ein Feld, das Seidler vorbereitet hatte und für das er sich in Lehre und Forschung engagiert hatte. Dass ausgerechnet in Freiburg der Lehrstuhl für Geschichte der Medizin 2006 nicht wieder besetzt und das Fach zum 550. Jubiläum der Universität in Freiburg abgeschafft wurde, erträgt Seidler, stets interessiert und engagiert, gleichwohl altersweise: Das Verdrängte kehrt unerledigt zurück, wie er weiß. Heute (Ostersamstag) wird er 90 – ein nimmermüder Professor, ein Gelehrter, dessen Worte weiterhin Gewicht haben, und ein überzeugter Europäer.

Seidler, geboren in Mannheim, studierte von 1947 bis 1953 Medizin. Er gehörte zu den ersten nach dem Zweiten Weltkrieg, die einen Teil des Studiums in Paris absolvierten. In Heidelberg als Arzt approbiert und promoviert, entschied er sich für eine Ausbildung zum Kinderarzt und erhielt 1961 die Facharztanerkennung. Mit 34 wählte er als neuen Schwerpunkt die Geschichte der Medizin und habilitierte sich 1965 bei Heinrich Schipperges, dem renommierten Heidelberger Fachvertreter. 1967 wurde er auf den Lehrstuhl für Geschichte der Medizin der Universität Freiburg berufen; bis 1994 hatte er diese Position inne. Seidler engagierte sich vielfältig in der akademischen Selbstverwaltung und war im akademischen Jahr 1980/81 Dekan der Medizinischen Fakultät.

Inhaltlich beschäftigte sich Seidler zunächst mit Fragen der mittelalterlichen Medizin, später insbesondere mit der Medizin im naturwissenschaftlichen Zeitalter. Zudem interessierte ihn das Verhältnis von Medizin und Pflege in historischer Perspektive. Seinen klinischen Blick und damit auch den Blick für das Wesentliche, behielt er stets bei. Mit den Jahren immer wichtiger wurde Seidler die Geschichte der Kinderheilkunde, seines eigenen klinischen Faches.

Nach seiner Emeritierung erarbeitete er eine eindrucksvolle Gesamtdarstellung der Schicksale jüdischer Kinderärztinnen und Kinderärzte in der NS-Zeit, die 2000 und in erweiterter Form 2007 als Buch erschien. Hierfür erhielt Seidler 2007 die Ehrenmitgliedschaft der Israeli Pediatric Association, eine Auszeichnung, die erstmals vergeben wurde. Zahlreich sind die Ehrungen, die Seidler zuteilwurden, so die Paracelsus-Medaille der Deutschen Ärzteschaft, höchste Auszeichnung dieser Körperschaft, und die Aufnahme in die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina. Nationale Akademie der Wissenschaften. Seine Wirkung im Fach Geschichte der Medizin reicht weit: Schüler haben Lehrstühle für Geschichte der Medizin inne, seine akademischen "Enkel" und "Enkelinnen" tragen an mehreren deutschen Universitäten die Fackel weiter.