EU-Regel

Ende der Vertrauensarbeitszeit: Gemischte Gefühle bei Freiburger Arbeitgebern

Holger Schindler

Von Holger Schindler

Di, 18. Juni 2019 um 10:30 Uhr

Freiburg

Die Rückkehr der Stechuhr: Die Sogenannte Vertrauensarbeitszeit könnte wegen EU-Regeln künftig unmöglich werden. Arbeitgeber aus Freiburg fürchten einen höheren bürokratischen Aufwand.

"Bei uns kümmern sich alle Mitarbeiter selbst darum, dass sie ihre Arbeitszeiten einhalten", sagt Claudius Heitz, Chef der Digitalagentur Gebrüder Heitz in der Erbprinzenstraße 18. Das könnte künftig schwierig werden, denn er Europäische Gerichtshof hat entschieden, dass Arbeitgeber die gesamte Arbeitszeit ihrer Beschäftigten systematisch erfassen müssen. Das Ende der Vertrauensarbeitszeit wäre ein großer Einschnitt.

"Für uns ist Vertrauen ein großes Thema." Claudius Heitz
"Wir verfügen über ein System, um kundenbezogene Einsatzzeiten zu erfassen, was unsere Leute auch konsequent tun", erläutert Heitz. Sechs Mitarbeiter sind bei ihm beschäftigt. Doch andere Arbeitszeiten werden bislang nicht erfasst. "Für uns ist Vertrauen ein großes Thema", sagt der Unternehmer. Zudem könnten alle Mitarbeiter selbst entscheiden, ob und in welchem Umfang sie von daheim oder unterwegs arbeiten. "Der zusätzliche Verwaltungsaufwand wäre für uns also nicht sehr groß, aber für die Vertrauensbasis wäre es nicht förderlich", so Heitz.

Zudem müsste er sich, wenn Mitarbeiter im Homeoffice seien, ohnehin wieder auf deren Eintragungen im Erfassungssystem verlassen. Eine direkte Kontrolle sei schlichtweg nicht möglich. Für die selbstständigen IT-Freelancer, die projektbezogen nach Bedarf zusätzlich mitarbeiten, würde die mögliche künftige Erfassungspflicht ohnehin nicht gelten.

Zum Teil ist die Erfassung aller Arbeitszeiten schon Pflicht

Der Europäische Gerichtshof hat mit einem Urteil vom 14. Mai mehr oder weniger alle EU-Mitgliedsstaaten dazu verpflichtet, in Zukunft per Gesetz die Erfassung aller Arbeitszeiten vorzuschreiben.

Manche Branchen haben indes bereits Erfahrungen mit der Kompletterfassung aller Arbeitszeiten. Mit Einführung des gesetzlichen Mindestlohns 2015 wurden mehrere Wirtschaftszweige, die in den Augen des Gesetzgebers besonders anfällig für Missbrauch sind, dazu gezwungen, alle Arbeitsstunden zu dokumentieren, unter anderem die Gastro-, die Bau- und die Transportbranche.

Mancher Kundenwunsch bleibt unerfüllt

"Wir haben damals die vorhandene Arbeitszeiterfassung auf alle Mitarbeitenden ausgedehnt", erinnert sich der Freiburger Taxiunternehmer Martin Wohlleber, der 25 Fahrzeuge im Einsatz hat. Man stütze sich dabei auf Daten der Taxameter, doch es falle zusätzliche Arbeit dabei an. "Eine Arbeitskraft im Büro verbringt ein Drittel ihrer Zeit mit Zeiterfassung", sagt Wohlleber. "Die genauere Erfassung hat dazu geführt, dass wir in der Verwaltung mehr darauf achten, wann konkret gearbeitet und wann Pause gemacht wurde", so der Unternehmer – positiv für die Mitarbeiter. Eine andere Folge sei aber auch, dass in Stoßzeiten Fahrten nicht bedient werden könnten, weil Kollegen ihre Maximalzeit schon erreicht haben. Die Flexibilität wird geringer – zum Nachteil der Kundschaft.

Bei den Freiburger Kammern weist man darauf hin, dass noch offen sei, wie die gesetzliche Umsetzung in Deutschland im Detail erfolge. "Es muss unbedingt darauf geachtet werden, dass diese grundsätzlich gute gemeinte Absicht nicht erneut zu mehr bürokratischer und finanzieller Belastung für die Betriebe führt", sagt Handirk von Ungern-Sternberg von der Handwerkskammer.