Tausende feiern ein Fest der Toleranz

Klaus Riexinger Jens Kitzler

Von Klaus Riexinger Jens Kitzler

So, 23. Juni 2019

Freiburg

Der Sonntag Zum Jubiläum des Christopher Street Day in Freiburg kommen bis zu 10 000 Teilnehmer – Farbattacke auf Lesbenfilmtage.

9 000 bis 10 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben gestern ausgelassen den Christopher Street Day in Freiburg gefeiert. Die Polizei meldete bis zum Abend keine Zwischenfälle. Am Freitagabend hatte es aber eine Farbattacke auf Gäste der Freiburger Lesbenfilmtage gegeben.

Bevor sich die bunte Parade am Samstag kurz nach 14 Uhr vor dem Stadttheater in Bewegung setzt, erinnert das Organisationskomitee des CSD Freiburg an den ernsten Hintergrund des Events: Vor 50 Jahren setzten sich Homosexuelle erstmals gegen die diskriminierenden Polizei-Razzien in der Szenekneipe Stonewall Inn in der Christopher Street in New York zur Wehr. Anschließend sagt die Sprecherin mahnend, dass die homosexuellenfeindlichen Straftaten weltweit zunehmen. "CSD heißt weiterkämpfen. Wir sind hier und wir sind laut." Das diesjährige Motto der Parade lautet "Don’t be quiet – be riot" oder auf Deutsch: "Seid nicht leise, macht Krawall."

Die Rede ist der Startschuss für die Parade aus 16 Wagen und 15 Fußgruppen, die über den Bertoldsbrunnen ihre Runde durch die Innenstadt antritt. Etwa eine Stunde braucht die Parade, bis sie einen Punkt passiert hat. "Wir wollen uns zeigen", sagen die verheirateten Tobias (33) und Sebastian (27), die zwischen zwei Gruppen mitlaufen. Für die beiden Freiburger ist der CSD eine Demonstration für Toleranz und gegen Diskriminierung – aber zugleich auch eine Party. Fabian (30), der als Ordner eingeteilt ist, kümmert sich derweil darum, dass der Abstand zwischen zwei Gruppen nicht zu groß wird. "Es läuft ganz gut", sagt er, "nur das Wetter könnte besser sein." Seit der Wiederbelebung des Freiburger CSD 2014 war er jedes Mal dabei. Im Vergleich zu den Vorjahren fällt ihm auf, dass die Veranstaltung immer professioneller wird.

Auf den mit lauter Musik beschallten Wagen sind Forderungen wie "Liebe für alle auf dieser Welt ohne Angst vor Verfolgung", "Gegen Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung im Alltag" zu lesen. Ein Wagen erinnert daran, dass Schwule im Iran und in Freiburgs Partnerstadt Isfahan seit 1979 verfolgt und auch hingerichtet werden.

Die beiden Studentinnen Illi (21) und Vera (21) sind zum ersten Mal auf dem CSD. Auf die Frage, ob für sie die Party oder die Politik im Vordergrund steht, antworten auch sie, ohne lange zu überlegen: "Beides." "Jede Form der Liebe gehört akzeptiert", sagt die gebürtige Bochumerin Illi. "Dafür sind wir hier", ergänzt Vera, die aus Meschede kommt.

Gegen 15 Uhr macht sich der Zug vom Martinstor aus auf die Durchquerung der Kaiser-Joseph-Straße. Wer ihn komplett an sich vorbeiziehen lassen will, muss hier schon anderthalb Stunden Zeit einplanen, so lange ist die Parade inzwischen. Die Teilnehmerzahl zu schätzen, sei nicht einfach, erläutert Einsatzleiter Harry Hochuli im Getümmel, denn rund um den Umzug herrsche ständiges Kommen und Gehen und die vielen tausend Zuschauer seien auch nicht immer sicher von den Zugteilnehmern zu trennen. Je nach Momentaufnahme zählt die Polizei 8 000 bis 10 000 Teilnehmer. Die Veranstalter sind sich sicher, dass es mehr sind. "Allein hinter dem letzten Wagen haben wir rund 3 000 gezählt", sagt eine Ordnerin. Trotzdem sind es wahrscheinlich doch weniger als die erwarteten 15 000 Teilnehmer, dafür könnten auch die angekündigten Gewitter gesorgt haben.

Damit ist der diesjährige CSD dennoch einer der größten in Deutschland, wie die Veranstalter mitteilen. Und für die große Menge Menschen hat die Polizei erfreulich wenig zu tun. Bis 16 Uhr registriert sie einen Verletzten, der in Höhe des Oberlinden-Brunnens umgeknickt ist, einen etwas zu überdrehten und angetrunkenen jungen Mann verweisen die Beamten von der Parade. Das war’s.

Am Freitag allerdings hatte es eine Attacke auf die Freiburger Lesbenfilmtage gegeben – demnach wurden Besucher aus einem schwarzen Auto mit einer größeren Menge Tomatensoße bespritzt. Die Polizei ist eingeschaltet. Über den oder die Urheber bekommt man bislang keine Informationen, ob irgendein Zusammenhang mit der gestrigen Parade besteht, ist unbekannt.

Mit dem Ablauf des Umzugs ist CSD-Mitorganisator Ronny Pfreundschuh jedenfalls sehr zufrieden. "Bis jetzt läuft alles super", konstatiert er zur Mitte der Veranstaltung. Er ist mit rund 70 anderen in verschiedenfarbige Westen gekleideten Helfern als Ordner im Umzug unterwegs und lobt die Zusammenarbeit mit der Polizei und – ein Novum in der CSD-Geschichte – die mit dem Freiburger Ordnungsamt. Zwischen diesem und den Organisatoren hatte es in den vergangenen Jahren regelmäßig Zwist gegeben.

Luftunterstützung aus Flugsport-Kreisen

Von dem Sportflugzeug, das kurz nach 15.30 Uhr über die Kajo fliegt, wussten auch die CSD-Macher nichts. Aus Düsen versprüht die einmotorige Maschine einen Farbstreifen, nach Regenbogenfarben sieht es nicht aus, eher nach Weiß und Blau. Die Aktion war von Aktivisten der Flugsportvereine am Freiburger Flugplatz geplant worden, mehr als ein kleiner Testflug zum Üben vor ein paar Tagen sei nicht drin gewesen, erläuterte ein Pilot dem Sonntag . Die Menge in der Kajo freut sich auch über den reduzierten Regenbogen, jubelt kurz, dann geht es weiter.

Heute ist Fortsetzung: Von 14 Uhr an findet eine Kundgebung auf dem Stühlinger Kirchplatz statt, am Abend gibt es die "Closing Party" im Club Hans Bunte.