fudder-Interview

Freiburger Band Enraged Minority rechnet mit Querdenken-Bewegung ab

Anika Maldacker

Von Anika Maldacker

Fr, 30. April 2021 um 12:04 Uhr

Der gute Ton (fudder)

In ihrem Song "Strickpullover" setzt die Freiburger Punkband Enraged Minority ein Zeichen gegen die Querdenken-Bewegung. fudder hat mit Gitarrist Adrian über die Botschaft des Liedes und seine Erfahrungen mit kruden Theorien im Bekanntenkreis gesprochen.

Wieso heißt euer Song "Strickpullover"?

Adrian: Wir wollen den ekligen Sozialdarwinismus, der hinter den Aussagen der Querdenker oder Coronaskeptiker steckt, entlarven. Das ist ein Grundelement des Faschismus, der nun in einem neuen Gewand daherkommt. Allerdings kommen die Aussagen nicht mehr von militanten Nazis, wie man das erwarten könnte, sondern in einem neuen Look. Das kann alternativ aussehen, oder einen esoterischen oder anthroposophischen Touch haben. Die Querdenker bezeichnen sich teilweise als links, finden die Nazis blöd, aber vertreten dennoch Positionen, für die sie aus der rechten Ecke bejubelt werden. Wir haben das im Song etwas überspitzt und populistisch dargestellt. Daher haben wir ihn "Strickpullover" genannt. Darwin trägt nun Strickpullover.

Strickpullover von Enraged Minority



Wieso wolltet ihr euch zu dem Thema der sogenannten Querdenker positionieren?

Wir geben gerne unseren Senf in einer wütenden, aufgebrachten Art ab. Das steckt in unserem Bandnamen und das macht uns aus. Wir wollten das, was gerade passiert, nicht unkommentiert stehen lassen. Das Verhalten der Querdenker macht alles noch schlimmer. Die Situation ist für jeden schwierig genug. Keiner möchte diese Maßnahmen noch lange ertragen müssen. Aber es hilft auch nicht, wenn tausende Menschen ohne Masken auf Massendemos gehen. Es gibt Studien, dass eine fünfstellige Zahl von Infektionen auf die beiden großen Anti-Corona-Maßnahmen-Demonstrationen vom vergangenen Herbst zurückzuführen sind.
Info:

Die Punkband Enraged Minority hat sich 2007 in Rheinfelden gegründet. Inzwischen wohnen alle fünf Bandmitglieder in Freiburg. Die Band besteht aus Daniel (Gesang), Adrian (Gitarre), Jörg (Gitarre), Niklas (Bass) und Jakob (Schlagzeug). Die Band hat im Herbst 2019 ihr 200. Konzert gespielt.

Wie lange habt ihr an dem Song gearbeitet?

Wir haben mit einem Freund der Band über das Thema gesprochen und entschieden, etwas zu machen. Der Freund hat den Text geschrieben und wir daraus den Song gemacht. Wir wollten nicht warten, bis wir vielleicht irgendwann in ein paar Monaten regulär ins Studio gehen können, um ein Album aufzunehmen. Daher haben wir die Aufnahmen zu dieser Single zeitlich vorgezogen und coronakonform produziert. Es ging nur einige Wochen von der Idee bis zur Veröffentlichung, denn wir wollten eben aktuell Stellung beziehen.

"Wir wollten das, was gerade passiert, nicht unkommentiert stehen lassen."

Welche Botschaft wollt ihr mit "Strickpullover" aussenden?

Es ging uns darum, auf den Sozialdarwinismus der Querdenker aufmerksam zu machen. Der erste Titel des Songs war "Darwin trägt jetzt Strickpullover". Das haben wir zu "Strickpullover" verkürzt, weil das hängen bleibt. Der Gedanke des Sozialdarwinismus hat sich weit in die Gesellschaft eingeschlichen. Man muss nur an Boris Palmers Aussage von vergangenem Jahr denken: "Wir retten möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären". Das ist purer Sozialdarwinismus. Dieses Denken findet erschreckend viel Anerkennung in der Gesellschaft. Wir wollen daran erinnern, dass das keine feine Art ist, sondern der Gedanke aus der rechten Ecke kommt.

Erklär uns bitte den Begriff Sozialdarwinismus.

Es bedeutet, dass der Stärkere überlebt. Das sprechen wir in der ersten Zeile des Songs an: "Für das Recht des Stärkeren". Die Schwächeren müssen dran glauben. Das ist damit gemeint. In so einer Welt kämpfen alle gegen alle. Das ist kein Gesellschaftsmodell, das wir gutheißen. Denn, wie eingangs erwähnt, ist der Sozialdarwinismus ein Kernelemet des Faschismus.

"Die Situation ist für alle blöd und da fällt es uns schwer, dass manche Leute sich in dieser Situation so unsolidarisch verhalten."

Wieso machen euch die Querdenker so wütend?

Ich glaube die aktuelle Situation berührt jeden. Ich habe zwei Kinder, die gerade nur eingeschränkt zur Schule oder in den Kindergarten gehen können. Meine Frau kann ihren Beruf derzeit nicht ausüben. Ich bin zum Glück krisenfest im sozialen Bereich beschäftigt. Die Situation ist für alle blöd und da fällt es uns schwer, dass manche Leute sich in dieser Situation so unsolidarisch verhalten. Es stimmt uns nachdenklich, dass wohl viele linksorientierte Menschen sich den Querdenkern angeschlossen haben. Da sind vielleicht Leute dabei, die auf unseren Konzerten waren. Jetzt wahrscheinlich nicht mehr.

Wie haben eure Fans und die Hörerinnen und Hörer auf den Song reagiert?

Wir haben damit gerechnet, dass es deutlich mehr Leute gibt, die sich an dem Song stören. Aber das hält sich erstaunlicherweise in Grenzen. Wir haben fast nur Zuspruch erhalten. Vielleicht haben sich die Leute, die sich vor den Kopf gestoßen fühlen, aber auch noch nicht gemeldet. Es hat uns gewundert, dass es so wenig Gegenwind gab.

Im Videoclip tauchen Telegram-Elemente auf. Wieso?

Telegram ist das Medium für Querdenker. Dort wird wenig gelöscht. Das wollten wir aufgreifen. Außerdem wollten wir unseren Text zum Teil visualisieren, wie bei einem Lyrics-Video. Wir machen ja keinen Schlager, sondern Punk, daher ist vielleicht nicht jedes Wort sofort zu verstehen.

"Das Recht auf Meinungsfreiheit sprechen wir keineswegs ab. "

Wieso wird der Pullover im Video aufgedröselt?

Im Video soll im übertragenen Sinn gezeigt werden, wie sich ein Mensch von dem Gedankengut, das wir mit dem Strickpullover assozieren, befreit.

Querdenker könnten auf euren Song entgegnen, dass ihr ihnen das Recht auf Meinungsäußerung absprechen wollt.

Das Recht auf Meinungsfreiheit sprechen wir keineswegs ab. Darum geht es nicht, sondern darum, was sie ausdrücken. Diese Position widerspricht uns vollkommen. Leuten, die sich nicht an den Veranstaltungen beteiligen, wird ja von den Demonstranten vorgeworfen, dass sie aufwachen müssten. Dass man ein "Schlafschaf" sei, also zu regierungstreu. Wir als Band haben an anderer Stelle schon Kritik an der Arbeit der Bundesregierung ausgeübt. Das Herunterspielen der Gefährlichkeit der Pandemie ist für uns allerdings kein probates Mittel für diese Situation. Zudem bedeutet freie Meinungsäußerung auch, dass Meinungen widersprochen oder kritisiert werden dürfen. Wenn uns jetzt tatsächlich jemand vorwirft, wir würden ihm seine Meinungsäußerung absprechen wollen, und folglich damit unsere Kritik deligitimiert, schreit derjenige im Umkehrschluß selbst nach Zensur.

Wie erlebst Du in deinem persönlichen Umfeld Verschwörungstheorien oder Meinungen aus dem Umfeld der Querdenker?

Ich denke jeder kennt mittlerweile jemanden, der schon krude Ideen geäußert hat. Ich will das natürlich nicht pauschalisieren, nicht jeder, der nicht meiner Meinung ist, stemple ich als Querdenker ab. Es gibt aber Grenzen, beispielsweise den Holocaust zu leugnen. Da ist es bei mir vorbei, weil es keine Diskussionsgrundlage gibt. Eine Grundlage brauche ich für eine Diskussion. Ich selbst kenne im weiteren Umfeld Menschen, die krude Meinungen entwickelt haben. Ich habe mir schon die Mühe gemacht, mit solchen Personen zu diskutieren. Ich habe aber gemerkt, dass viele rationale Argumente nicht gehört werden, weil die Diskussion sehr emotional ist. Die Schlussfolgerung kann Kontaktabbruch sein. Bei mir sind zum Glück keine Freundschaften zerbrochen, sondern nur entfernte Bekanntschaften.