Geklaut wird so ziemlich alles

Holger Schindler

Von Holger Schindler

Do, 24. Mai 2018

Freiburg

Händler fordern härteres Vorgehen gegen Ladendiebstahl / 1600 Fälle werden in Freiburg jährlich angezeigt – bei hoher Dunkelziffer.

FREIBURG. Die Debatte um den richtigen Umgang mit dem Phänomen Ladendiebstahl geht in Freiburg weiter. Bei einer Podiumsdiskussion der CDU-Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung (MIT) forderte Handelsverbandpräsident Philipp Frese, das Land solle mit der Abschaffung der Bagatellgrenze von 25 Euro für Ersttäter zügig Ernst machen. Seitens der Polizei sieht man auch den Handel in der Pflicht: Diebstähle müssten flächendeckend angezeigt werden. Beim städtischen Ordnungsamt beklagt man ein schwindendes Unrechtsbewusstsein.

"Geklaut wird so ziemlich alles, sofern es sich wegtragen lässt", sagt Alexander Entov, Chef der Freiburger Breuninger-Filiale – selbst Teile des Inventars seien schon entwendet worden. Obwohl man eine Menge tue, um Langfingern das Stehlen im Kaufhaus zu erschweren, werde man der Sache nicht Herr. "Wir stellen fest, dass Ladendiebstahl in allen Teilen der Gesellschaft vorkommt, bei armen Leuten, wohlhabenden Leuten, auch bei Ärzten und Rechtsanwälten, bei Inländern und Ausländern", so Entov weiter. Und natürlich gebe es auch immer wieder bandenmäßige Aktionen. Freiburg sei da aber im Großen und Ganzen nicht anders als die anderen Breuninger-Standorte, an denen er schon tätig war. "Vielleicht abgesehen davon, dass die Nähe zur Grenze Freiburg für organisierte Diebe besonders attraktiv macht", erklärt der Kaufhausmanager.

Der Bericht aus Entovs Arbeitsalltag zum Thema Ladendiebstahl sorgt durchaus für ein gewisses Erstaunen bei den rund 50 Teilnehmern der MIT-Podiumsdiskussion, zu der die MIT-Kreisverbände Freiburg und Breisgau-Hochschwarzwald ins Autohaus Gehlert geladen haben. Vorwiegend Unternehmerinnen und Unternehmer sitzen im Publikum. Auch Entovs Ausführungen zu den Gegenmaßnahmen werden aufmerksam verfolgt.

"Wir haben an allen Eingängen Personal stehen, Concierges nennen wie die – das schreckt potenzielle Diebe schon mal ab. Außerdem setzen wir flächendeckend auf hochauflösende Kameraüberwachung und weisen auch deutlich darauf hin", sagt Entov. Darüber hinaus sichere man hochwertige Ware elektronisch. "Wir versuchen, da immer auf dem neuesten Stand der Technik zu sein", so der Kaufhauschef, "aber für alle Systeme gibt es schon wieder Tricks, wie man sie aushebeln kann."

Für Philipp Frese vom Handelsverband, selbst Einzelhändler, ist – auch angesichts der Tatsache, dass bei Breuninger selbst bei derartigen Sicherheitsvorkehrungen noch geklaut wird – klar: Die Dunkelziffer bei Ladendiebstahl ist sehr hoch. In Freiburg wurden im vergangenen Jahr 1600 Ladendiebstähle angezeigt, wie Polizeidirektor Berthold Fingerlin erklärt – bei zuletzt rückläufiger Tendenz. Tatsächlich äußerten Experten des Kölner Handelsforschungsinstitut EHI im vergangenen Jahr, dass ihrer Einschätzung nach nur zwei Prozent der Fälle erkannt und angezeigt werden.

Ehrliche Kunden tragen die Kosten

Bundesweit lag der Gesamtschaden laut Frese vergangenes Jahr bei rund vier Milliarden Euro, was etwa einem Prozent des Branchenumsatzes entspricht. Diese Kosten gehen letztlich über die Preiskalkulation zu Lasten ehrlicher Kunden.

"Von daher unterstützen wir ausdrücklich die Pläne von Landesjustizminister Guido Wolf, die Bagatellgrenze von 25 Euro bei Ersttätern abzuschaffen", so Frese weiter. Bislang werden Verfahren mit geringeren Schäden eingestellt, wenn die Täter zuvor noch nicht mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sind. Berthold Fingerlin wiederum appellierte an den Handel, möglichst alle Fälle anzuzeigen. Die Strafverfolgung werde besser, je mehr Vorfälle der Polizei bekannt würden.

Martin Schulz, stellvertretender Leiter des Freiburger Ordnungsamts, wiederum bemängelt einen allgemeinen Mangel an Unrechtsbewusstsein bei Rechtsverstößen: "Wir haben zwar als Behörde mit Ladendiebstahl direkt nichts zu tun. Aber was sich unsere Leute anhören müssen, wenn sie zum Beispiel Falschparker ahnden, etwa Vorwürfe und massive Beschimpfungen, zeigt mir, dass es allzu oft an Respekt vor dem Gesetz mangelt." Dies könne zur Problematik der Ladendiebstähle mit beitragen.