Freie Entscheidung oder Teufelskreis?

Svenja Hoch

Von Svenja Hoch

Fr, 01. Juli 2016 um 00:00 Uhr

Schülertexte

In Europa leben insgesamt rund 1,1 Millionen Obdachlose, davon 490 700 in Deutschland. Von 10 000 Deutschen haben somit 60 Menschen keine feste Bleibe. In Bezug auf die Obdachlosenzahl ist Deutschland der traurige Spitzenreiter unter den europäischen Staaten. Doch wie kommt es zu dieser erschreckend hohen Zahl? Was sind die Gründe für so eine Vielzahl von Obdachlosen?

In Europa leben insgesamt rund 1,1 Millionen Obdachlose, davon 490 700 in Deutschland. Von 10 000 Deutschen haben somit 60 Menschen keine feste Bleibe. In Bezug auf die Obdachlosenzahl ist Deutschland der traurige Spitzenreiter unter den europäischen Staaten. Doch wie kommt es zu dieser erschreckend hohen Zahl? Was sind die Gründe für so eine Vielzahl von Obdachlosen?

Mietschulden und daraus resultierende Zwangsräumung, Scheidung oder Tod des Partners, Arbeitslosigkeit, Krankheit, Flucht oder familiäre Probleme sind unter anderem Ursachen für Obdachlosigkeit. Fakt ist: Lebt man erst einmal auf der Straße, ist der Weg der Resozialisierung nahezu unmöglich.

Ohne festen Wohnsitz keine Arbeit – ohne Arbeit keine Wohnung – ohne Wohnung kein Harz 4, sondern Tagesgeld – ohne Harz 4 keine Wohnung. Dieser Teufelskreis macht es den Obdachlosen schwer, wieder in die normale Lebensform mit Wohnung einzusteigen. Und Betroffene meinen: " Bist du erst einmal ganz unten, hilft dir keiner mehr hoch."

Die Zahl der Menschen, die wegen eines Unglücks auf der Straße gelandet sind, ist hoch

Es gibt viele Fälle von Obdachlosen, die ein ganz normales Leben in einem normalen sozialen Umfeld lebten, ja sogar recht vermögend waren und durch unglückliche Umstände alles verloren.

Wenn man seine Wohnung verliert, ist die einzige Möglichkeit, bei Freunden und Familie unterzukommen und sich helfen zu lassen. Hat man niemanden, der einem in einer solchen Situation hilft, dann bleibt einem nur noch die Straße. Natürlich gibt es Obdachlosenheime und Hilfsorganisationen, doch dafür sind die Betroffenen oft zu stolz.

Für Menschen mit einem geordneten sozialen Umfeld ist es kaum vorstellbar, aber es gibt Menschen, die auf der Straße leben wollen, da sie sich nicht an die soziale Lebensform anpassen können und das Leben auf der Straße als Freiheit ansehen. Viele dieser Obdachlosen können sich keinen normalen Arbeitsalltag vorstellen und gestalten sich deswegen auf der Straße ein Leben ohne Arbeit.

Obdachlose werden aus diesen Gründen oft diskriminiert. Den Leuten gefällt es nicht, dass es Menschen gibt, die einfach nicht arbeiten wollen und deswegen dann auf den Straßen betteln. Interessant ist eine Studie von 1913. In der Weimarer
Republik beschäftigte man sich zum ersten Mal in der Geschichte mit dem Thema Obdachlosigkeit. Ludwig Mayer veröffentlichte dazu eine Studie über einen vermeintlich psychisch bedingten Wandertrieb und sah Obdachlosigkeit als psychische Krankheit. Landstreicher wurden daraufhin nicht mehr wegen Landstreicherei verurteilt, da ihnen die Psychologen einen krankhaften Drang zum Nomadendasein bestätigten.

Auch heute noch werden Obdachlose diskriminiert und teilweise sogar misshandelt. Oft werden Obdachlose zu Unrecht verurteilt, denn die Zahl der Menschen, die aufgrund eines Unglücks auf der Straße gelandet sind und nun dem Teufelskreis einfach nicht mehr entkommen können, ist hoch. Ein voreiliges Urteil zu fällen, ist ungerecht, denn nach einem kurzen Blick kann man nicht entscheiden, ob dieser Mensch nun freiwillig auf der Straße lebt oder einfach nur Pech hatte.

Ob man dem bettelnden Obdachlosen auf der Straße ein paar Münzen in den Hut wirft oder nicht, bleibt jedem selbst überlassen – auf jeden Fall sollten wir solchen Leuten respektvoll begegnen. Es könnte sich ja vielleicht bei dem bettelnden Obdachlosen um den Arzt handeln, der einen vor Jahren einmal behandelt und von einer Krankheit geheilt hat.